(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VIII 1934 Heft 3/4"

VIII. Jahrg. 



März— April 1934 "i^'^ß^h^,, Nr. 3/4 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



August Aicßßorn 



Liselotte Gero . 



Kann der Jugendliche straf- 
fällig werden? Ist der Jugend- 
gerichtshof eine Lösung? 

Psychoanalytische Gespräche 
mit einem kleinen Kind 



Melitta Scßmideberg. . Intellektuelle Hemmung 

und Eßstörung 



S. Lindner 



Das Saugen an den Fingern, 
Lippen etc. bei den Kindern 

(Ludein) Mit 22 Abbildungen 



Preis dieses Heftes Mark 2'— 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



August Aichhorn 

Wien V, Sdiönbrunnerstraßc 110 

Dr. Heinrich Meng 

Basel, Angcnstclncrstraße 16 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlergassc 7 

Prof. Dr. Ernst Schneider 

Waldcrzlehungshelm 
Stadtrnda, Thüringen 



Anna Freud 

W 1 e n IX, Berggasse 19 

Hans Z u 1 1 i g e r 

1 1 1 1 g c n bei Bern 



Schriftleiter: 

Dr. Wilhelm Hoff er, Wien, ., Dorotheergasse 7 






6 Doppelhefte Jährlich M. 10'-, schw. Frk. 1250, ös.err. S 17- 
Preis des Doppelheftes: M. 2"- (schw. Frk. 250, österr. S 3-40) 

Geschäftliche Zusdirlften bitten wir zu richten an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistet werden 
durch Postanweisung, Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

Postscheckkonti des „Internationalen Psychoanalytischen Verlages in Wien": 



Posfsdieckkonto 

Leipzig 9J.H2 
Zürich VIII, 11-479 
Wien JI.6)} 
Paris C I IOO.9 5 
Prag 79.3 8 5 
Stockholm 44-49 



Jahresabonnement 

M. W — 
Frk. IT SO 

s n— 

Fr. 60 — 
K.Ö Be- 
schul. Kr. iyjo 



Postscheckkonto 

Budapest $1.204 
Zagreh 40.900 
Warszawa 1 9 1.2 j 6 
Riga 36.9) 
s'Gravenhage 142.24S 
Kjöbenhavn 24.932 



Jahresabonnement 

P iy6o 

Diu. 1)6- — 

ZI. 21-70 

hat. [2'jo 

hfl. fr— 

d'dn. Kr. 12' /o 



Bei Adressenänderungen bitten wir, freundlich auch den bisherigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem O r t und nicht nach dem 

Namen geführt. 



In Vorbereitung befinden sich folgende Sonderhefte: „Lern- und 
Denkstörungen", „Jugendliche Verwahrlosung und Kriminalität", 

„Pubertätsprobleme". 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VIII. Jahrg. 



März -April 1934 



Heft 3/4 



■ 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 
Ist das Jugendgericht eine Lösung?* 

Von August Aichhorn 

Die zwei Begriffe, Erziehungsfürsorge und Fürsorgeerziehung 
werden nicht immer auseinandergehalten und nicht selten steht das 
eine Wort für das andere im Gebrauch. Wir wollen daher festhalten, 
daß Erziehungsfürsorge der übergeordnete Begriff ist und die Für- 
sorgeerziehung nur ein besonderer Zweig der Erziehungsfürsorge. 

Jede erzieherische Arbeit, die sich die Aufgabe stellt, die verwahr- 
doste und kriminell gewordene Jugend wieder zur sozialen Einord- 
nung zu führen, fällt in den Bereich der Erziehungsfürsorge. Werden 
diese Minderjährigen der Anstaltserziehung überwiesen, so setzt die 
Fürsorgeerziehung ein. 

Erziehungsfürsorge und Fürsorgeerziehung sind zwar nicht Er- 
scheinungen der unmittelbaren Gegenwart, aber prophylak- 
tische Maßnahmen zur Verhinderung der Verwahrlosung und Kri- 
minalität Jugendlicher gab es früher nicht. Der gefährdete Minder- 
jährige erweckte kein Interesse. Nur wenn er der Gesellschaft ge- 
fährlich geworden war, Handlungen oder Unterlassungen gesetzt 
hatte, die im Widerspruch zu den geltenden Normen standen, beschäf- 
tigte sich die Gesellschaft mit ihm. Der „Verbrecher" zog die Auf- 
merksamkeit auf sich; der Jugendliche aber nicht anders als der Er- 
wachsene. Beide waren gefährlich und mußten unschädlich gemacht 
werden. 

In der Rechtsprechung und im Strafvollzug wurde kein wesent- 
licher Unterschied zwischen beiden gemacht, „und wer einmal vier- 

* Anmerkung der Redaktion: Diese Arbeit behandelt ein Thema für die Zeitschrift f. psa. Päd 
revidiert und erweitert, das der Verfasser erstmalig bei der Tagung der Zentralstelle für Kinder- 
schutz und Jugendfürsorge im Rahmen der Verhandlungen zur Reform des Jugendstrafrechtes im 
Oktober 1924 in Wien vorgetragen hat; ein zweiter, erweiterter Vortrag wurde bei der Konferenz 
für Wohlfahrtspflege und soziale Politik im Juli 1928 in Paris gehalten und unter dein Titel „The 
juvenile court: is it a Solution?" in der Revue internationale de l'Enfant Vol. DL No. 51 March 
1930 zum Abdruck gebracht. Die Union Internationale de Secours aux Enfants verwertete ihn in 
einer schriftlichen Enquete und überreichte ihn dem Ausschuß für Kinderschutz des Völkerbundes. 

Zeitschrift f. psa. Päd., VIII/3/4 7 

WH INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 




UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



yo August Aichhorn 



zehn Jahre alt war, wurde vollständig wie ein Erwachsener behandelt. 
Die Strafe wurde an ihm vollzogen und was dann weiter mit ihm ge- 
schah, interessierte niemand 1 )". 

Noch das Strafgesetzbuch der Kaiserin Maria Theresia vom 3. De- 
zember 1768 läßt zu, daß unmündige Kinder, die näher dem 14. als 
dem 7. Lebensjahre sind, unter bestimmten Voraussetzungen die 
Todesstrafe erleiden können. Nur bei erster Kindheit bis zum 
7. Jahre und bei unmündigen Knaben und Mädchen, die näher dem 
7. als dem 14. Jahre stehen, dürfen insgemein halsgerichtliche Strafen 
nicht vollzogen werden. 

Jugendliche und erwachsene Rechtsbrecher wurden gemeinsam in 
Zuchthäuser eingesperrt und zu gemeinsamer Arbeit herangezogen. 
Der Jugendliche war dadurch allen schädigenden Einflüssen des er- 
wachsenen Verbrechers ausgesetzt. Von Organen der Strafgerichts- 
barkeit ging zuerst die Forderung aus, die Jugendlichen in eigenen 
Abteilungen zu sondern und ihnen, namentlich zur Nächtigung, ge- 
sonderte Räume anzuweisen. Dieser Forderung wurde entsprochen, da- 
mit aber nicht viel geändert. Die Heranziehung zu gemeinsamer Arbeit 
blieb bestehen und trotz strengster Überwachung während der Arbeit 
und in der freien Zeit war es nicht zu verhindern, daß sich, — wenn 
auch vermindert, — dieselben Ubelstände zeigten wie früher. Di e 
Jugendlichengruppen — Korrigenden-Abteilungen— erhielten dann 
eigene Gebäudetrakte in den Gefangenenhäusern zugewiesen, die ge- 
meinsame Arbeitszuteilung wurde abgeschafft, und doch konnte ein 
Zusammenkommen der Erwachsenen mit den Jugendlichen nicht ganz 
unterbunden werden. Die beaufsichtigenden Personen und die Art der 
Behandlung blieben aber nach wie vor für Jugendliche und Erwach- 
sene gleich. Als ganz besonderer Fortschritt wurde empfunden, daß 
es nach langem Bemühen gelang, für die jugendlichen Rechtsbrecher 
eigene Gebäude zur Unterbringung zu bekommen. Mit der Durch- 
führung der Trennung von den erwachsenen Gefangenen war für die 
damalige Zeit das Problem restlos gelöst. Daß das Personal der Straf- 
anstalten mitübersiedelte, die Behandlung und Beschäftigung der 
jugendlichen Rechtsbrecher dieselben blieben, daß also der alte Geist 
mit in die neuen Gebäude einzog, konnte gar nicht auffallen, denn 
zu einer psychologischen Erfassung der jugendlichen Kriminellen 
fehlten alle Vorbedingungen. Leiter der „Besserungsanstalt", so der 
Name der neuen Einrichtung, wurde der Justizbeamte, Aufseher der 
gewesene Unteroffizier, der ebensogut Aufseher in den Strafanstalten 
werden konnte. Es blieb dem Zufall überlassen, ob die Aufseher auch 
■ — 

J) Dr Ludwig Altraann: Das Jugendgerirhtsgesetz. Handausgabe Österreich, Gesetze und Ver- 
ordnungen, Heft 244, Wien 1929, österr. Staatedruckeroi. 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 79 

die Eignung für ihren Dienst mitbrachten. Das traf recht oft nicht zu, 
aber manches, was von den Zeitgenossen dem Aufsichtspersonal als 
Schuld gebucht wurde, läßt sich heute als Fehler des Systems erkennen. 
Der sicher erwartete Erfolg in den neuen Anstalten stellte sich nicht 
ein, der Prozentsatz der rückfälligwerdenden Entlassenen blieb un- 
verhältnismäßig hoch. Dies und die sträflingsartige Behandlung, von 
der manches nach und nach in die Öffentlichkeit drang, brachten die 
Besserungsanstalten in Verruf. Reformen wurden als notwendig er- 
kannt, doch die Entwicklungsrichtung war gegeben, Verbesserungen 
konnten nur innerhalb ganz festgelegter Grenzen eingeführt werden. 
Der Justizbeamte als Anstaltsleiter wurde vom Lehrer abgelöst und 
ein regelrechter Schulunterricht, den natürlich auch Lehrer über- 
nahmen, begonnen. Die Tätigkeit der Lehrer beschränkte sich aber 
auf den Schulunterricht, die Zöglinge wurden auch weiterhin von ge- 
wesenen Unteroffizieren beaufsichtigt. Daran änderte sich bis in die 
Zeit der Schaffung des Jugendgerichtsgesetzes nur mehr wenig. Die 
Lehrer gewannen etwas Einfluß auf die Beschäftigung der Zöglinge 
auch während der schulfreien Zeit und kamen in ein gewisses, über- 
geordnetes Verhältnis zu den Aufsehern. Obwohl unter dem Druck 
der stetig in die Breite wachsenden, ins Sentimentale gerichteten 
Fürsorgebestrebungen die Besserungsanstalten ihr Schild in „Er- 
ziehungsanstalten" wechseln mußten, blieb doch deren innere Organi- 
sation im großen und ganzen dieselbe. Ein Beleg dazu: Wir arbeiteten 
schon in Oberhollabrunn 2 ) auf unsere Art mit dem Fürsorgeerzie- 
hungszögling, während zur selben Zeit in den „Besserungsanstalten" 
die Einzelzelle und Rutenstreiche, deren Anzahl für jedes Vergehen 
genau vorgeschrieben war, noch offizielle Strafmittel waren. Wir er- 
innern, daß gelegentlich eines Besuches einer dieser Anstalten der 
Leiter uns als Fortschritt folgendes mitteilte: „Die Anzahl der Ruten- 
streiche schreibe er vor, der Zögling werde dem Arzt vorgestellt, der 
festzustellen habe, ob der Zögling körperlich kräftig genug sei, die 
Züchtigung zu ertragen. Bei der Exekution sei er selbst anwesend, um 
Ausschreitungen des züchtigenden Aufsehers zu verhindern." 

Als Ergebnis einer besonders gelungenen Entwicklung freuen sich 
nun einzelne Staaten, ein eigenes Jugendgerichtsgesetz hervorge- 
bracht zu haben. In diesem wird der Unreife, dem verschiedenen Ent- 
wicklungszustand der Jugend entsprochen und auch der Erfahrungs- 
tatsache Rechnung getragen, daß der Strafvollzug allein nicht immer 
wirksam wird und Erziehungsmaßnahmen zu seiner Ergänzung nötig 
sind. 

Wir Erziehungsfürsorger, die nicht mehr bei den Rationalisierun- 

2 ) Aug. Aichhorn: ,, Verwahrloste Jugend". Psychoanalyt. Verlag, Wien. 



80 



August Aichhorn 



gen stehen bleiben, sondern auch den unbewußten Tendenzen von 
Verwahrlosungs-Äußerungen und verbrecherischen Handlungen nach- 
zugehen gewohnt sind, interessieren uns natürlich auch für die un- 
bewußten Motive des Gesetzgebers. Wir suchen zu unterscheiden, wie 
weit höhere Einsicht an seinem Werk beteiligt ist und wo unbewußte 
affektive Momente die Grundlage bilden. Wir würden uns, um nur 
eines hervorzuheben, sehr freuen, wenn die Jugendgerichtsgesetze 
nicht mehr nur die Tendenz zeigten, die Gesellschaft vor dem jugend- 
lichen Rechtsbrecher zu schützen, sondern auch der Tatsache ent- 
sprechen würden, daß Verwahrlosung und Kriminalität seelischen Er- 
krankungen entspringen, die heute schon vielfach zu heilen sind und 
für die weitere Heilmethoden gesucht werden müssen. Also nicht 
„bessern", sondern „heilen". 

Wird beispielsweise ein Jugendlicher durch den Strafvollzug dazu 
gebracht, nicht mehr zu stehlen, so ist die Gesellschaft zufrieden und 
beruhigt. Ob er selbst aber geheilt ist, fällt nicht mehr in die Kom- 
petenz des Strafvollzuges. Nun gibt es aber eine symptomlose Phase, 
einen Zustand, in dem Verwahrlosungs-Äußerungen und verbreche- 
rische Handlungen nicht in Erscheinung treten; die Dissozialität ist 
durch den Strafvollzug latent geworden 8 ). 

Aber die latente Dissozialität kann weder durch Anhaltung in 
Strafanstalten, noch durch die der normalen Erziehung zur Verfügung 
stehenden Erziehungsmittel, Lohn oder Strafe behoben werden. 

Selbst das seit 1. Jänner 1929 in Österreich geltende Jugendgerichts- 
gesetz, das eines der modernsten ist und eine Reihe begrüßenswerter 
Neuerungen in der Behandlung krimineller Jugendlicher aufweist, 
zeigt in seinem Motivenbericht ganz unabsichtlich die affektive 
Wucht, mit der sich die Gesellschaft gegen den jugendlichen Rechts- 
brecher wendet. 

Im ersten Absatz des Motivenberichtes der Regierungsvorlage 
kommt folgende Stelle vor: „ . . . und die Ansichten über die richtigen 
Methoden, ihnen (den jugendlichen Rechtsbrechern) Achtung vor 
der Rechtsordnung einzuflösse n". 

Diese Worte verraten, daß die Gesellschaft nach wie vor ungestört 
bleiben und die Anerkennung der Rechtsordnung erzwingen will; 
denn sonst hätte diese Stelle im Motivenbericht anders lauten müssen. 
Etwa so: „ . • • den jugendlichen Rechtsbrecher zur Beachtung der 
Rechtsordnung zu führen". 

Im Motivenbericht heißt es weiter: 

„Diese Aufgabe besteht nun aber — darüber ist heute kein Streit 

3} Zur Unterscheidung von manifester und latenter Dissozialität vergleiche meine Arbeit: „Er- 
ziehungsberatung", Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Jahrgang 1932, Band (i. 






Kann der Jugendliche straffällig werden? 81 

mehr — nicht darin, dem jugendlichen Rechtsbrecher als Vergeltung 
für das Übel, das er durch seine Tat der Rechtsordnung und dem 
Verletzten angetan hat, ein Leid zuzufügen, sondern darin, ihn zu 
retten, ihm den moralischen Rückhalt zu schaffen, dessen er entbehrt, 
ihn um seiner selbst und um der Gesellschaft willen davor zu be- 
wahren, daß er ein Sklave der schädlichen Neigungen werde, welche 
die Tat geoffenbart haben. Dazu kann unter Umständen auch eine 
Strafe dienlich sein, wenn das Strafmittel und die Art des Vollzuges 
dem Erziehungszweck angepaßt sind. 

So verstanden, bildet die Strafe keinen Gegensatz zur Erziehung, 
sondern nur eines der Mittel, deren sie sich bedienen kann." 

Vom Vergeltungsprinzip ist man abgekommen, aber ohne Strafvoll- 
zug kann man sich wohl vorläufig in den breiteren Schichten des Volkes 
keine „Besserung" vorstellen. Die Strafe muß als Erziehungsmittel 
motiviert werden, damit die Gesellschaft — diesen Anschein hat es — 
sich beruhige in der Überzeugung, ihre Pflicht gegen jugendliche 
Personen, die sich gegen das Gesetz vergingen, Genüge geleistet zu 
haben. 

Es fragt sich aber, ob die Strafe als Erziehungsmittel*) nach unse- 
ren heutigen Einsichten noch so zu halten ist, wie das allgemein noch 
immer und daher auch durch den Gesetzgeber geschieht. 

Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß bei jeder Dissozialität un- 
bewußte Motive und unbewußte seelische Abläufe wirksam, ja in den 
meisten Fällen ausschlaggebend sind. Diese Erkenntnis muß daher 
unsere Einstellung zum Erziehungsmittel Strafe im Strafvollzug, ja 
vielleicht zum Strafvollzug überhaupt grundsätzlich ändern. Einige 
ausgewählte Beispiele sollen einen Eindruck über den Anteil des Un- 
bewußten an den verschiedenen Formen dissozialer Äußerungen ver- 
mitteln. 

Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das in der Schule leicht lernt, aber 
faul, unaufmerksam und unordentlich ist, soll in die Anstalt gebracht 
werden, weil die Eltern eine Polizeianzeige der Hausgehilfin be- 
fürchten. Der Anlaß war folgender: Das Kind sollte seine Schulsachen 
in Ordnung bringen. Es verteilte Bücher, Hefte und die übrigen 
Schulmaterialien auf den Boden und über das Bett, um zu sor- 
tieren und zu ordnen. Wie sie aber auch sonst Arbeiten großangelegt 
anfing und damit nicht fertig wurde, ging sie auch diesmal weg und 
ließ alles liegen. Die Hausgehilfin räumte die Sachen weg und legte 
sie in geordneten Stößen auf den Tisch. Als das Kind nachhause kam, 
beschwerte es sich, daß die Hausgehilfin „alles wieder in Unordnung 

*) Aug. Aiohhorn: „Lohn oder Strafe als Erziehungsmittel?", Zeitschrift für psychoanaly- 
tische Pädagogik, V, 1931. 



82 



August Aichhorn 



gebracht hätte". Diese versuchte, ohne alle Unfreundlichkeit das Kind 
zu beruhigen, doch gelang das nicht, das Kind geriet vielmehr meine 
derart Wut, daß es der Hausgehilfin ein Trinkglas an den Kopf 
W, wodurch diese eine heftig blutende Wunde an der Nase, die 
ärztlich behandelt werden mußte, davontrug. Nach den Angaben der 
Mutter verliert das Kind in seinen Wutausbrüchen jede Besinnung, 
tobt, schreit, schlägt um sich, zerreißt Kleider und Hefte der Ge- 
schwister, wirft Gegenstände nach den im Z ™^. ^ d ^^ 
sonen, gießt Tinte aus, zerbricht Gläser und Geschirr und ist ; dabei 
von unglaublicher Bosheit und Brutalität. Es hat auch sconemge- 
male die Anwesenden mit dem Messer bedroht, das ihm jedoch gleich 
TtrWsen wurde, so daß nicht festzustellen ist, ob das Madchen wirk- 

^ÄE n 1 wäre zu einer Polizeianze* e gekoren so 

hätte das Jugendgericht wegen ieiehter Körperverletzung de Haus- 

gehimn dazu ^ ^ZT^l-^Z^lm- 

ÄKÄÄ in derseihen £«•*•£ 

senden Geschwister sich vollständig normal benehmen und daJl das 

SÄS^h- Befunde ^ *-f^2 

den war. Die Verhöre des Rindes hätten den Eindruck, daß es sich _um 

ein verschlossenes, bösartiges, außerordentlich *VW™»Z" 

delt, verstärken müssen, weil es sich auch vor uns - bei den ersten 

Ausfragen - so benahm. Die Abgabe in eine Erziehungsanstalt wäre 

die unausbleibliche Folge gewesen. 

Das Kind wird statt dessen einer Verwahrlostenanalyse zuge- 
führt. Dabei stellt sich heraus, daß es in einer, ihm nicht bewußten, 
konstanten Angstsituation lebt. Alle die Ursachen, die diese Situation 
bedingen, anzugeben, würde hier zu weit führen. Zu verstehen ist 
aber, daß dieses Kind sich vorübergehend angstfrei fühlt, wenn es 
bei einem Zusammenstoß mit Erwachsenen scheinbar die Oberhand 
behält. Die heftigen Aggressionen bedeuten zuerst nichts anderes als 
den Wunsch, den Erwachsenen zu überrumpeln. Weniger entstellt ist 
der unbewußte Wunsch, von den Erwachsenen doch überwältigt und 
damit wieder in die alte Angstsituation zurückversetzt zu werden. In 
der Analyse wurde das Kind nach Aufdeckung der Zusammenhänge, 
aus denen sein unbewußtes Schuldgefühl und Strafbedürfnis ent- 
standen sind, geheilt. Es konnte auch während der Behandlung in 
der Familie verbleiben. 

Ein dreizehnjähriger Junge war wegen unausgesetzter Diebstahle 
seit seinem zehnten Lebensjahr wiederholt in Anstalten untergebracht 
gewesen. Die ersten Familiendiebstähle liegen sieben Jahre zurück. 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 83 



Trotz der Züchtigungen durch die Mutter häuften sich die Entwen- 
dungen. Als er auch Fremddiebstähle beging, wurde er der Anstalts- 
erziehung übergeben. Von dort kam er zeitweise nach Hause zurück, 
weil er in seinen Briefen flehentlich um Verzeihung bat und Bes- 
serung versprach. Er wurde aber Jedesmal rückfällig. Auch den An- 
stalten gelang es trotz ihrer strengen Zucht nicht, eine Besserung 
zu erzielen.. 

Der Junge wurde in die Erziehungsberatung gebracht, weil alles 
Bemühen bisher vergeblich geblieben war. Zweifellos reichten die 
der Erziehung normalerweise zur Verfügung stehenden Hilfen in 
diesem Falle nicht aus und der Minderjährige war auf dem besten 
Wege zum Verbrecher. 

Der hübsche Junge zeigte femininen Habitus, passives Wesen und 
typische Züge des Hochstaplers. 

Die Familienverhältnisse: Er wurde kurz nach dem Tode seines 
Vaters geboren und von der hysterischen Mutter mit einem Übermaß 
an Zärtlichkeit umgeben. Mutter und Kind blieben so fast vier Jahre 
allein beisammen. Dann heiratete die Frau zum zweitenmal und nun 
mußte sich das Kind mit dem Stiefvater in die zärtliche Liebe der 
Mutter teilen. 

In der Behandlung wurden wieder die unbewußten Zusammenhänge 
bewußt gemacht und ein voller Erfolg erzielt. Wenn auch die Mit- 
teilung eines der unbewußten Motive für sich allein keine Beweis- 
kraft hat, so dürfte es doch auch dem Nicht- Analytiker die Bedeutung 
des Anteiles unbewußter Motive an Verwahrlosungsäußerungen 

zeigen. 

Der Einzug des Stiefvaters ins Haus veränderte das Verhalten der 
Mutter zum Kind sehr. Erst während der Behandlung wurde aufge- 
deckt, daß jedesmal nach der Strafe für eine Schlimmheitsäußerung, 
die Mutter viel zärtlicher war, und daß das Kind immer schlimmer 
geworden war, nur um die früher gewohnte Zärtlichkeit wieder 
zurückzugewinnen. Ebenso erinnerte der Junge, daß die erste Züch- 
tigung durch die Mutter nach dem ersten Diebstahl (aus deren Geld- 
börse) erfolgte, und daß sie sofort nachher ihn herzte und küßte, mit 
ihm so zärtlich war, wie vor Stiefvaters Zeiten. Dasselbe erlebte das 
Kind beim zweiten und den folgenden Diebstählen. Und so war für 
das Unbewußte des Kindes der Weg gebahnt, sich die alte Zärtlich- 
keit der Mutter konstant zu verschaffen. Er wird zum Dieb, nicht zum 
geringen Teile in der unbewußten Erwartung und Absicht als Schul- 
diger von der Mutter zuerst gezüchtigt und nachher durch Zärtlich- 
keiten versöhnt zu werden. Solche Verwahrlosungserscheinungen 



84 August Aichhorn 



stehen also auch im Dienste des „sekundären Krankheitsgewinnes . 

Von der Schule wird ein Zwölfjähriger in die Erziehungsberatung 
geschickt, weil er seit seinem achten Lebensjahr immer, wenn der 
Frühling kommt, davonläuft und oft erst nach Tagen von der Gen- 
darmerie aufgegriffen und zurückgebracht wird. Da wir vorerst 
wissen wollen, ob in dieser Verwahrlosung auch organisch begründete 
Ursachen mitbeteiligt sind, veranlassen wir eine psychiatrische Unter- 
suchung des Kindes. Wir erhalten einen Befund, der Wandertrieb oder 
epileptischen Dämmerzustand offen läßt. Dieser Befund veranlaßt 
uns, nun der Angelegenheit auf unsere Art nachzugehen. Wir er- 
fahren von der Mutter, daß der Junge ein außereheliches Kind sei, 
bis zu seinem sechsten Lebensjahr bei der mütterlichen Großmutter 
auf dem Lande untergebracht war und daß er wegen des Schul- 
beginnes zu der in der Zwischenzeit verheirateten Mutter zurück- 
kam. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Mutter waren schlecht 
Der Junge traf eine vierköpfige Familie mit zwei Bettgehern in 
Zimmer und Küche wohnend an. Über das Verhalten des Kindes be- 
fragt, gibt die Mutter an, daß er ungemein verschlossen sei, keine 
Freunde habe und oft stundenlang stumpf in einem Winkel sitze. Von 
der Schule hören wir, daß er ein schlechter Schüler sei, zwei Schul- 
klassen habe wiederholen müssen und daß er unaufmerksam vor sich 
hinstarre. Die Intelligenzprüfung, die wir auch veranlassen, ergab 
normale Intelligenz. 

Was alles aufgedeckt werden mußte, bis der Junge geheilt war, 
kann dem Ungeschulten nicht deutlich gemacht werden. Sicher aber 
findet die Tatsache allgemeines Verständnis, daß die Versetzung 
des Fünfjährigen aus einer ihm restlos zusagenden Umgebung, von 
der ungemein geliebten Großmutter weg in ein enges, dumpfes, über- 
fülltes, liebloses Proletariermilieu, in dem sich niemand um ihn küm- 
merte, schockartig gewirkt hatte. Das Kind setzte das sehr lustbe- 
tonte Erleben im Hause der Großmutter in der Phantasie fort und 
verspann sieh umsomehr in seine Welt, je unlustvoller die Gegen- 
wart für ihn wurde. Die Tagesanforderungen zwangen ihn, diese 
Welt aus dem Bewußtsein wegzuschieben, doch behielt sie auch dann 
noch die Macht, ihn für die reale Welt nur mindertauglich zu machen. 
Wenn der Sonnenschein im Frühjahr wirksam wurde und eine Welle 
seiner Phantasien in das Vorbewußte durchschlug, zwang es ihn weg 
und er mußte fort, die versunkene schöne Kindheit zu suchen. In der 
Behandlung sagte er eines Tages: „Nun weiß ich, warum ich immer 
davongelaufen bin. Es gibt einen Sonnenuntergang und das Läuten 
von Kirchenglocken, das war immer so schön und das wollte ich wie- 
der haben." 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 85 



In die Fürsorgeerziehungsanstalt brachte eine Mutter ihren sieb- 
zehnjährigen Sohn zur Aufnahme und gab als Grund hiefür an :_ „Seit 
einiger Zeit nimmt mein Sohn jeden Abend ein Küchenmesser mit ins 
Bett. Er sagt mir zur Begründung: ,Es wird nicht mehr lange dauern, 
bis ich diesen Hund — damit meint er den Vater — ersteche.' Bei der 
Polizei will ich keine Anzeige machen, verrückt ist der Bub auch 
nicht. Er haßt aber seinen Vater so sehr, daß ich befürchten muß, es 
könnte ein Unglück geschehen. Daher muß ich den Buben weggeben." 
In der Verwahrlostenanalyse des Jungen füllten sich die Erinnerungs- 
lücken immer mehr aus, bis er eines Tages sagte: „Ich habe das Ge- 
fühl der Vater wollte die Mutter einmal erwürgen." In der Arbeit 
der nächsten Monate kommen zu diesem Gefühl Wortvorstellungen 
wie: „Ich bin damals noch nicht in die Schule gegangen, ich stehe in 
meinem Gitterbett und sehe die Eltern im Bett liegend, ich sehe, wie 
der Vater die Mutter würgt, wie sie sich wehrt und stöhnt." Aus 
diesen Erinnerungen ergibt sich ganz eindeutig, daß der Junge im 
Kleinkindalter die Eltern nachts belauscht hat. Für sein infantiles 
Verständnis mußte daraus ein Angriffsakt des Vaters auf die Mutter 
werden. Wir erfuhren weiter, daß zu diesem Zeitpunkt die Ablehnung 
des Vaters begann, die sich zuerst in starken Ungezogenheiten gegen- 
über dem Vater äußerte. Vom Standpunkt des Kleinkindes gesehen, 
nahm er sich der durch den „brutalen" Vater bedrohten Mutter mit 
den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an. Auch als er diese Er- 
innerungsstücke gebracht hatte, waren ihm die Zusammenhänge noch 
nicht klar. Der Behandelnde sagte ihm: „Du bist siebzehn Jahre alt, 
kannst du dir nicht vorstellen, was das damals war?" Mit weitauf- 
gerissenen Augen rief der Junge: „Gott, ich bin blöd!" Aus dem wei- 
teren Verhalten des Jungen war dann zu ersehen, daß der Versuch 
gemacht werden konnte, ihn mit den Eltern zusammenzubringen. Die 
Eltern wurden in die Anstalt eingeladen und die erste Begegnung 
brachte eine volle Versöhnung mit Umarmungen, Küssen und Tränen 
aller drei Beteiligten. Zwei Jahre später traf der Behandelnde die 
Mutter zufällig in der Straßenbahn. Sie sagte: „Wenn ich daran 
denke, daß ich den Jungen in die Anstalt gab, um zu verhindern, daß 
er den Vater ermorde, erscheint mir das jetzt wie ein Traum. Sie 
können sich nicht vorstellen, wie die beiden aneinander hängen und 
sich verstehen. Bald müßte ich eifersüchtig werden." 

Stelle man sich vor: Der Junge wäre nicht rechtzeitig aus der 
Familie entfernt worden, die letzte Schranke, den Vater zu töten, wäre 
durch den sich steigernden Haß überwunden worden, dann wäre er 
als Vatermörder vor Gericht gestanden. Weder Vorerhebung, noch 
gerichtspsychiatrische Untersuchung, noch die eingehendste Ausfra- 



86 



August Aichhorn 



gung des Minderjährigen hätten die wirklichen Motive der Tat zutage 

fördern können. 

Aus diesen Zusammenhängen geht auch hervor, daß der Jugend- 
liche bei der Gerichtsverhandlung keinerlei Reue über seine Tat ge- 
zeigt hätte. Die unbewußten Tatmotive sind seiner bewußten Beur- 
teilung unzugänglich und können daher von ihm überhaupt nicht ge- 
wertet werden. Reue kann aber nur einsetzen, wenn bewußte Tat- 
motive als schlecht erkannt werden. So wird wahrscheinlich nicht 
selten die „Gefühlsroheit" des angeklagten Jugendlichen vom öffent- 
lichen Ankläger, dem Gerichtshof und den Zuhörern mißverstanden 
und er so „mildernder Umstände" beraubt. 

Schon aus diesen wenigen Beispielen ist ersichtlich, daß die Vor- 
aussetzungen, auf Grund derer die Jugendgeriehtsgesetze geschaffen 
wurden, unzureichend sind. 

Wenn wir im folgenden versuchen, ganz allgemein ursächliche Zu- 
sammenhänge aufzusuchen, so wissen wir, daß damit nicht eine Lö- 
sung des Problems gefunden ist. 

Wir wollen nur beweisen, daß die Lösung in einer anderen als der 
bisherigen Richtung gesucht werden muß. Dadurch sollen aber auch 
andere angeregt werden, für eine spätere Gesetzgebung vorbereitend© 
psychologische Arbeit zu leisten. Wir haben einleitend zwei Bemer- 
kungen zu machen. 

Auf die Ergebnisse der Kriminalstatistik stützen wir uns nicht. 
Sie kann uns keinen Einblick in jene ursächlichen Zusammenhänge 
geben, die wir suchen. Dazu bedarf es psychologischer Erwägungen, 
die sich auf Erfahrungstatsachen aus unserer Erziehungsarbeit mit 
verwahrlosten und verbrecherischen Jugendlichen stützen. Die psycho- 
logischen Tatsachen sehen wir so, wie sie die Psychoanalyse sieht, das 
heißt, wir schalten alles Zufällige im Psychischen aus (Kausalität im 
seelischen Leben), rechnen mit dem Unbewußten und fassen auch 
alle Verwahrlosungs-Äußerungen und Verbrechen als ein Ergebnis 
ineinander, miteinander und gegeneinander wirkender psychischer 

Kräfte auf. 

Es ist uns nicht unbekannt, daß die Bestrebungen, die Ursachen 
der Verwahrlosung und des Verbrechens aufzufinden, voneinander 
sehr abweichen. Sie lassen sich im allgemeinen in zwei Gruppen 
teilen. Die einen gehen den soziologischen Weg; sie suchen die Ent- 
stehungsursache in der Umgebung des Jugendlichen, vermeinen sie 
aus wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen ableiten, also nur in 
äußeren Momenten finden zu können. Die anderen, die sich auf das 
Individuum beschränken, suchen die Ursache im Verbrecher 
selbst. Ihnen ist das Konstitutionelle des Verbrechers das wichtigste. 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 



87 



Wenn auch beide Forschungsrichtungen die Tatsache anerkennen 
müssen, daß immer exogene und endogene Faktoren am Zustande- 
kommen der Verwahrlosung und des Verbrechens beteiligt sind, so 
bleiben sie doch durch ihre Grundanschauung in den Erklärungsver- 
suchen bei ihrer ursprünglichen Anschauung. 

Wir wollen weder den einen noch den anderen Standpunkt ein- 
nehmen, sondern vom Individuum ausgehend, die Wirkung der Um- 
weltsemflüsse auf dieses betrachten: 

Das Kind ist eine durch Qualität, Quantität und Kombination seiner 
Erbfaktoren gegebene Originalität mit dem Bedürfnis, notwendiger- 
weise seiner eingeborenen Veranlagung, lebendigen Ausdruck geben 
zu müssen. Dieses ursprüngliche Wesen ^^V^VS* Am 
eingeboren, die selbst wieder einen entscheidenden Faktor darstellt 
Vom Kinde wird sehr oft ein Verhalten erzwungen, das der Tendenz 
nach dem Ausleben der eingeborenen Veranlagung zuwiderlauft. 

Lebt sich das Kind trotzdem in seine Umgebung ein oder vielleicht 
richtiger, bewältigt es ohne besondere innere Konflikte m sich die 
ihm auferlegten Forderungen, findet es sich ab, akzeptiert es dann 
später die in der Gesellschaft geltenden Normen so wird das von den 
Erwachsenen und auch von der Gesellschaft als selbstverständlich 
hingenommen, wenn noch dazu kommt, daß das Kind im Heranwachsen 
den Erwachsenen keine besonderen Schwierigkeiten macht und ihnen 
nicht zu sehr unangenehm wird. Mit diesen Kindern brauchen wir uns 
hier nicht zu beschäftigen. Es gibt aber manche, die sich nicht ohne 
weiteres anpassen, die nicht selbstverständlich auf ihre originale Ent- 
wicklung Verzicht leisten (von intellektuellen Minusvarianten abge- 
sehen), sondern mehr weniger erfolgreich widerstehen, stören und 
schon in der Familie unangenehm werden. Die daraus sich ergebenden 
Fehlentwicklungen führen zuweilen in die Verwahrlosung und zum 
Verbrechen, zu einem so krassen Gegensatz mit der Gesellschaft, daß 
diese mit Abwehrmaßnahmen vorgeht, unstreitig mit Recht. Fraglich 
bleibt aber nicht, daß die Art, in der die Gesellschaft sich heute zur 
Wehr setzt, unrichtig ist. ökonomisch für die Gesellschaft und 
für das Individuum ist heilen und nicht bessern. 

Versuchen wir, uns ein wenig klarzumachen, wie die Erwachsenen 
vorgehen, um die heranwachsende Generation zu „nützlichen Mit- 
gliedern des Gemeinwesens" zu machen, um zu verhindern, daß das 
Kind als Erwachsener die Gesellschaft zwingt, mit Abwehrmaßnahmen 
gegen es vorzugehen. Es hat den Anschein, als ob gerade in der 
Gegenwart das Kind und seine Entwicklung für die Eltern und die 
Gesellschaft zu einer besonders wichtigen Angelegenheit geworden 
wäre. Tatsächlich verschob sich auch während der letzten vierzig 



88 August Aichhorn 






Jahre innerhalb einer gewissen Bevölkerungsschichte die Stellung 
des Kindes in der Familie. Es wurde immer wichtiger und rückte 
immer mehr in den Mittelpunkt der Familie. Früher war der Vater 
der erste, dann kam die Mutter und dann die Kinder. Jetzt ist es fast 
umgekehrt. Und doch ist das Verhalten der Eltern dem Kinde gegen- 
über nicht so, wie es seiner dominierenden Stellung entspräche. Die 
Behandlung des Kindes dient nicht seinen wirklichen Bedürfnisseti.. 
Es hat den Anschein, daß das Kind nicht um seiner selbst willen zur 
Hauptperson geworden ist, sondern daß es seine Bevorzugung unbe- 
wußten Motiven verdankt und ein für die affektive Entladung der 
Eltern geeignetes Objekt darstellt. Darzulegen, warum die Entwick- 
lung diesen Weg nahm, bleibt einer besonderen Arbeit vorbehalten 

Das Kind und seine Erziehung waren immer affektive Ane<? 
legenheiten der Eltern, darin scheint eine Änderung nicht mö 
lieh. Es ist unschwer zu erkennen, daß in gleichem Maße, in dem hei t 
die Eltern über Erziehungsfragen, Erziehungsziele und Erziehu 
mittel mehr diskutieren als früher, ihre affektiven Beziehungen 
Kinde wachsen. Das muß aber für die Kinder von Nachteil sein T") 
je größer die affektiven Bindungen des Erziehers (Eltern) an ^ Qn 
Erziehungsobjekt (Kind) sind, desto mehr trübt sich der Bliejj. , : 8 
dessen wirkliche Bedürfnisse. (Typisch dafür ist das einzige Kinn \ 

In Bevölkerungsschichten, in denen sich der eben angedeutei- 
Wechsel der Stellung des Kindes in der Familie nicht vollzogen hai- 
stehen andere Hindernisse einer günstigen Entwicklung des Kind i 
entgegen. Die Eltern gehen ihrer Beschäftigung nach, werden nieh 
oder weniger von den Tagessorgen in Anspruch genommen oder ver- 
sinken, was auch nicht selten der Fall ist, vom Kampf um die Her- 
beischaffung der Lebensbedürfnisse ermüdet, in stumpfe Gleich- 
gültigkeit und Resignation. Dazu kommt noch, daß in den meisten 
Fällen von zärtlichen Beziehungen der Eltern zueinander kaum mehr 
die Rede sein kann. Sie leben vielfach nur mehr nebeneinander, be- 
kämpfen einander ganz offen vor den Kindern oder lassen den Groll 
nicht durch; schaffen dann aber eine schwüle, jeden Augenblick zur 
Explosion fähige Atmosphäre. Der Alltag ist von anderem erfüllt als 
von den Sorgen um die Persönlichkeit und Entwicklung des Kindes. 

Wir haben in unserer langjährigen Praxis mit der dissozialen 
Jugend noch keinen Fall von Verwahrlosung oder Kriminalität er- 
lebt, in dem die Familie intakt gewesen wäre. In zahlreichen Fällen 
waren die Schwierigkeiten des Zusammenlebens der Eltern ganz 
offensichtlich, in anderen waren sie verdeckt, traten aber bei ein- 
gehender Untersuchung zutage. 

Es bedarf daher einer sehr widerstandsfähigen Konstitution des 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 89 



Kindes, damit es trotz der vielen ungünstigen äußeren Entwicklungs- 
bedingungen zu einem Menschen heranreifen kann, der imstande ist, 
selbst ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen und befähigt 
wird, innerhalb einer sozialen Gemeinschaft leben zu können, mit- 
zuwirken an der Vermehrung wirtschaftlicher und kultureller Güter. 
Fehlt diese innere Robustheit, so ist bei den gegenwärtigen Umwelts- 
verhältnissen und der gesteigerten Affektivität der Eltern eine dis- 
soziale Entwicklung sehr wahrscheinlich. 

Eine besondere Bemerkung: Das Erziehungswerk mißlingt häu- 
figer als die Öffentlichkeit erfährt. Sie nimmt nur die krassesten Fälle 
des Mißlingens zur Kenntnis. Statistisch werden nur jene Fälle fest- 
gehalten, in denen der Mißerfolg so arg ist, daß die Gesellschaft zu 
gesteigerten Abwehrmaßnahmen gezwungen wird. Wäre es möglich, 
eine Erfolgsstatistik aufzustellen, so ließe sich unschwer feststellen, 
daß die Kriminalstatistik nichts über den tatsächlichen Umfang miß- 
glückter Erziehung aussagt. Die ungeheure Zahl von Menschen, die 
infolge mißglückter Erziehung ihr Leben ohne Erfolge, mehr oder 
weniger freudlos verbringen, kann statistisch nie erfaßt, vom auf- 
merksamen Beobachter aber immer gesehen werden. 

Wenn wir uns jetzt Überlegungen zuwenden, die letzten Endes 
dazu führen sollen, den kriminell gewordenen Jugendlichen ander» 
zu behandeln, als dies bisher geschah, so müssen vorher einige Be- 
merkungen über die Aufgabe der Erziehung im allgemeinen einge- 
schaltet werden. 

Erziehung darf nicht affektives Handeln sein, sondern muß immer 
bewußtes Bemühen bleiben, aus dem Triebwesen Kind den Kultur- 
menschen zu bilden. Oberflächlich gesehen, könnte daher die Erzie- 
hung als ein ständiger Kampf gegen die Triebwünsche des Kindes 
aufgefaßt werden. Dann würde die Aufgabe des Erziehers darin be- 
stehen, den drängenden Triebwünschen des Kindes ein Bollwerk ent- 
gegenzustellen. Der Erfolg einer solchen Erziehung wäre die Unter- 
drückung der Trieb wünsche, vorerst durch äußere Gewalt, später 
durch eine sich im Kinde aufrichtende innere Macht. Ein solcher Zu- 
stand versetzt aber das Kind in stete Gefahr. Die verbietende äußere 
oder innere Instanz kann von Triebstürmen überwältigt werden 
und damit der Weg in die Dissozialität freigegeben sein. Richtet sich 
aber das Bemühen des Erziehers darauf, die triebeinschränkenden 
Forderungen so zu gestalten, daß das Kind sie annehmen kann — (das 
Verbot muß immer in adäquater Relation zum Triebwunsch stehen), — 
so wird das Kind nach und nach dahin geführt werden können, die 
Erfüllung seiner Triebwünsche selbst einzuschränken. An Stelle der 
Unterdrückung eines Triebwunsches tritt der Verzicht auf die Trieb- 



90 August Aichhorn 






befriedigung an primitiven Zielen, der Trieb wird ablenkbar und kann 
auf kulturell höher gewertete Ziele gerichtet werden. 

In der Erziehungspraxis stehen uns bekanntlich zwei Mittel zur 
Verfügung, um die notwendige, triebeinschränkende Tendenz i m 
Kinde selbst entstehen zu lassen: die Furcht vor der Strafe 5 ) und di e 
Gewährung einer Ersatzlust in der Zuneigung des Erziehers. Der 
Erzieher muß sich darüber klar sein, daß jede Erziehungshandlun.g 
auf das Kind einen Druck ausübt, dessen Notwendigkeit es vorerst 
nicht begreifen kann und den es selbstverständlich abzuwehren ver- 
sucht; denn das trieb einschränkende Verbot vernichtet nicht die Trieb- 
regung, es läßt nur den Wunsch nach Befriedigung unerfüllt. Das 
Drängen des unerledigten Triebanspruches zwingt aber das Kind z u 
einer Reaktion. Zuerst wird es versuchen, das Verbot unwirksam z u 
machen. Gelingt es nicht, dann wird versucht, es zu umgehen. 

Wenn wir Kinder daraufhin beobachten, wie sie auf Verbote, die 
Triebeinschränkungen verlangen, reagieren, so können wir gar» 
typische Arten des Verhaltens feststellen. Davon einige: 

Das Kind unterliegt trotz des Verbotes sofort der Triebreguno- 
und führt sie ihrer Befriedigung zu. Das Verbot blieb unwirksar*T 

Die Triebregung überwindet das Verbot zwar noch vollständig* 
doch wird das Tempo der Triebbefriedigung beeinflußt, es wird lan&' 
sanier. Diese Reaktion ist am häufigsten bei Kleinkindern zu beob~ 
achten, die durch Verbote in der Ausführung ihrer kleinen körper- 
lichen Unarten (Nasenbohren u. dgl.) gestört werden, Unarten, die fti r 
sie einen entschiedenen Lustgewinn bedeuten. 

Das Verbot wirkt bereits so stark, daß sich das Kind auf Um- 
wege verlegen muß, um doch noch zur Befriedigung seines Trieb- 
Wunsches zu gelangen. Es bittet, raunzt, schmeichelt, beharrt auf sei- 
ner Bitte, ermüdet dadurch die Erwachsenen und erreicht — ohne als 
ungezogen oder schlimm zu gelten — sein Triebziel. Die Eltern sind 
sich dabei zumeist nicht bewußt, daß das Kind die Umgehung des 
aufgestellten Verbotes anstrebt und auch nicht selten erreicht. 

Das Verbot wirkt so unangenehm, daß sich das Kind dagegen 
auflehnt. Es murrt, weint, schreit, trotzt usw. (Ein besonderer Aus- 
weg, der hier nicht näher besprochen werden soll, ist noch die Flucht 
in die Krankheit.) 

Es bedarf vieler mißlungener Versuche, bis sich das Kind damit 
abfindet, das nach außen Drängende des Triebes nicht in die Außen- 
welt zu entladen, und bis es so weit kommt, jene Mechanismen zu 
konstitutieren und in Bewegung zu setzen, die uns die Psychoanalyse 

6 ) Vergleiche A. Aichhorn: „Lohn oder Strafe in der Erziehung", Zeitschrift für psycho- 
analytische Pädagogik V, 1931, S. 273 ff . 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 



91 



als „Verdrängung" kennen gelehrt hat. Unterstützt wird das Ein- 
setzen dieser Mechanismen allerdings dadurch, daß das Erleben der 
Vorfahren auch in diesem Belange nicht unwirksam geblieben ist. 
(Urverdrängung.) 

Durch die Verdrängung wird das Drängende unerledigter Trieb- 
wünsche aus dem Bewußtsein entfernt und verliert dadurch seinen, 
das Kind quälenden Charakter; es hat den Trieb wünsch vergessen. 
Daß die unerledigt gebliebenen Triebregungen im Unbewußten wei- 
ter wirksam bleiben und zu Kraftquellen kultureller Leistungen wer- 
den können, soll hier nicht ausführlicher zur Erörterung kommen. 
Uns interessiert eine andere Äußerungsform eines unterdruckten 
Triebwunsches. Sie ist uns beim normalen Kinde als Schhmmheit 
recht gut bekannt. (Dieser in Österreich gebräuchliche Ausdruck sagt 
mehr als das „unartige Kind".) 

Die Schlimmheit des Kindes wird von Eltern und Erziehern als 
Zeichen einer nicht vollständig gelungenen Erziehung aufgefaßt, es 
entsteht deshalb sofort das Bestreben, sie zum Verschwinden zu brin- 
gen. Als Ergebnis einer richtigen Erziehung wird das „brave Kind 
angesehen. Es gelingt beim normalen Kind auch sicher recht bald - 
allerdings durch erhöhten Druck - das Kind brav zu machen 

Ist die Schlimmheitsäußerung in dieser Art richtig gedeutet? Oder 
ist noch eine andere Auffassung möglich? Nehmen wir an^ die 
Schlimmheitsäußerung sei eine Reaktion des Kindes auf die Erzie- 
hungsmaßnahmen, dann läßt sie sich als eine Form der Auflehnung 
deuten und wir müssen folgerichtig weiter schließen, daß dieser Auf- 
lehnung eine aggressive Tendenz zugrunde liegt. Diese kann aber 
kein anderes Ziel verfolgen, als - allen Hindernissen zum Trotz - 
doch zur primitiven Triebbefriedigung zu gelangen oder dem Er- 
zieher unangenehm zu werden, sich an ihm für Lustverlust zu rächen 
und dadurch wieder Lust zu gewinnen. So könnte also zwischen 
Schlimmheitsäußerung und Erziehungsmaßnahme eine Beziehung her- 
gestellt werden, die sich etwa so formulieren ließe: Die Quantitäten 
der Schlimmheitsäußerungen zeigen die durch den Erziehungsdruck 
im Kinde hervorgerufenen Gegendruckschwankungen an. Damit hät- 
ten wir aber in den Schlimmheitsäußerungen eine Art Manometer ge- 
wonnen. Wir könnten, wenn wir da erst einmal richtig beobachten 
gelernt haben, unsere Erziehungshandlungen kontrollieren und sie 
den verschiedenen Individualitäten der Kinder anpassen. (Diese Aus- 
führungen beziehen sich aber nicht auf die uns auch bekannten 
Schlimmheitsäußerungen neurotischer Kinder.) 

Kehren wir nochmals zu der jetzt geläufigen Auffassung der 
Schlimmheit zurück. Sie berücksichtigt nicht, daß im „braven" Kind 



92 August Aichhorn 



die aggressive Tendenz unerledigt geblieben ist und sich eine andere 
Form suchen muß. Wenn es den Erwachsenen gelungen ist, das Kind, 
zum „braven" Kinde zu machen, dann sind sie wohl in ihrer Bequem- 
lichkeit weniger gestört, sie haben sich aber auch mit der Unter- 
drückung der Schlimmheitsäußerung des wichtigsten Beobachtungs- 
mittels, der wichtigsten Kontrolle über die dem Kinde durch die Er- 
ziehung auferlegte Belastung beraubt. Das Manometer ist zerstört. 
Damit ist aber auch der Zusammenhang gewisser nervöser Erschei- 
nungsformen im Kinde und gewisser Verwahrlosungsäußerungen mit 
der ursprünglichen, aber nicht mehr zur Äußerung durchgelassenen 
Auflehnung des Kindes verloren gegangen. 

Wenden wir uns wieder der Auffassung zu, daß die Schlimmheits- 
äußerungen des Kindes eine Auflehnung gegen die Erziehungsgewalt 
bedeuten, so haben wir in ihnen auch gleichzeitig die ursprünglichste 
Form der Dissozialität zu sehen. Ist die Auflehnung eine Form der 
Dissozialität, so ist ihr Inhalt die Aggression. Wir neigen der Ansieht 
zu, daß der Inhalt der verschiedenen Erscheinungen der Verwahr- 
losung und des Verbrechens immer die Aggression ist und daß aj ~ 
Mannigfaltigkeit dissozialer Äußerungen nur Formunterschiede dar- 
stellt. Diese ergeben sich aus dem individuellen Erleben, aus der Art 
einfacher oder komplizierter Widerstandsreaktionen gegen Erzi e ^ 
hungsmaßnahmen und aus dem Mosaik von Identifizierungen in der 
ersten Kindheit. So betrachtet, könnten die Verwahrlosung und das 
Verbrechen Jugendlicher nur als Folgen eines Erziehungsnotstandes 
aufgefaßt werden, der nichts anderes wäre als ein Entwicklungs- 
rückstand, beziehungsweise eine Regression auf eine frühere Ent- 
wicklungsstufe. Ohne auf einzelne Verwahrlosungserscheinungen 
einzugehen, zeigen uns zwei Züge, die im Wesen jedes Verwahr- 
losten oder Kriminellen zu erkennen sind, die bestehende Diskrepanz 
zwischen Lebensalter und Entwieklungsalter. Es sind dies: das Vor- 
handensein eines nicht unterdrückbaren Bedürfnisses nach unmittel- 
barer Triebbefriedigung und die Tatsache, daß die in der Gesell- 
schaft geltenden sittlichen Normen für sie keine zwingende Kraft 
haben. 

Der kategorische Imperativ, der dem erwachsenen, sozialen Men- 
schen ein anderes als soziales Handeln ganz unmöglich macht, der 
dem handelnden „Ich" scharf beobachtend gegenüber steht, mit ihm 
zufrieden, unzufrieden ist, es lobt oder verurteilt, der gleichzeitig 
auch der Ausdruck für das vom realen Ich zu Sollende ist, 
fehlt dem Verwahrlosten und Kriminellen. Im Kinde sind die ersten 
Ansätze zu dieser kritischen Instanz im „Ich" bereits da, im Jugend- 
lichen ist sie normalerweise aufgerichtet und kann durch verstärkt 









Kann der Jugendlich e straffällig werden? 93 

auftretende Triebregungen vorübergehend überwältigt werden. Im 
Verwahrlosten ist sie ständig durch Triebregungen unterjocht. Daraus 
wird auch klar, daß die der Altersstufe normal entsprechende Ent- 
wicklung vom Verwahrlosten nicht erreicht worden ist, oder anders 
gesagt, daß der Erziehung aus irgendwelcher Ursache die Lösung 
ihrer Aufgabe nicht gelungen ist. 

Diesen beim Verwahrlosten und Kriminellen bestehenden Erzie- 
hungsnotstand kann die Gesellschaft nicht unbeachtet lassen. Sie hilft 
sich auf zweifache Art: durch die Fürsorgeerziehung und durch die 
strafrechtliche Verfolgung. Die Fürsorgeerziehung beschäftigt uns 
hier nicht. Es bleibt zu erörtern, ob der Verwahrloste — Kind oder 
Jugendlicher — schuldig im Sinne des Gesetzes werden kann. Die 
beiden Schuldformen, die das Gesetz kennt, nämlich „dolus" (böser 
Vorsatz) und „culpa" (Fahrlässigkeit) erscheinen uns als Begriffe, 
die nicht geeignet sind, auf einen Erziehungsnotstand angewendet zu 
werden. Dann: das Gerechtigkeitsgefühl verlangt, daß die Strafe den 
Schuldigen treffen müsse. Mit der strafgerichtlichen Verurteilung des 
Kindes oder des Jugendlichen ist aber nach unserer Auffassung der 
wirklich Schuldige nicht getroffen. Das Strafgericht zieht vielmehr 
das an sich unschuldige Objekt einer mißlungenen Erziehung, gleich- 
gültig aus welchen Ursachen diese ihren Zweck nicht erfüllte, zur 
Verantwortung. Wie die Verhältnisse nun einmal liegen, ist der 
Schuldige gewöhnlich gar nicht zu finden, ja ein einzelner, der als 
Schuldiger zu betrachten wäre, ist gar nicht da. Wie oft handelt es 
sich um Schicksalskonstellationen und niemand kann zur Verantwor- 
tung gezogen werden. Wir sind der Meinung, daß dadurch die Gesell- 
schaft noch lange nicht berechtigt ist, gerade das unschuldige Opfer, 
den Verwahrlosten, aus der Reihe herauszugreifen, nur weil in ihm 
und durch ihn die Fehler und Mängel der anderen unangenehm fühl- 
bar in Erscheinung treten. 

Wir wagen zu behaupten, daß der jugendliche Rechtsbrecher vor 
allem der Möglichkeit bedarf, das ihm fehlende Stück seiner Entwick- 
lung nachzuholen und daß dies durch Fürsorgeerziehung, nicht aber 
durch den Strafvollzug vermittelt werden kann. Daß die Fürsorge- 
erziehung in ihrer heutigen Entwicklung noch nicht in der Lage ist, 
den Strafvollzug überflüssig zu machen, ändert nichts an unserer Be- 
hauptung. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis durch den Aus- 
bau der Fürsorgeerziehung die strafgerichtliche Verurteilung jugend- 
licher Rechtsbrecher nicht mehr notwendig erscheinen wird. Damit 
wäre aber auch ausgedrückt, daß nicht die Schaffung eines Jugend- 
strafgesetzes den endgültigen Zustand bedeuten darf, sondern daß 
dieser Fortschritt durch die Fürsorgeerziehung überholt werden muß. 

Zeitschrift f. psa. Päd., VIII/S/4 



g4 August Aichhorn 






Es kann der Gesellschaft sicherlich nicht verwehrt werden, sich 
vor dem jugendlichen Rechtsbrecher zu schützen. Aber auch diesem 
steht das Recht zu, die Gesellschaft dafür verantwortlich zu machen, 
daß sie ihn zum Rechtsbrecher werden ließ. Wenn die Gesellschaft 
den Strafrichter, ihren Anwalt nennt, und ihre Rechte durch ihn ver- 
treten läßt, dann muß sie auch dem jugendlichen Rechtsbrecher einen 
Anwalt zur Seite stellen. Schon Reicher sagt 6 ) : „Ich bestreite der 
strafenden Staatsgewalt die Berechtigung ihres Amtes zu walten, 
bevor nicht die fürsorgende Staatsgewalt ihre Pflicht getan 
hat." Wenn die Jugendgerichtsgesetze Bestimmungen enthalten, die 
der Eigenart jugendlichen Wesens Rechnung zu tragen vermeinen und 
dann doch in ihrem ganzen Aufbau zeigen, daß für die Formulierun- 
gen der einzelnen Bestimmungen der affektive Widerstand der Ge- 
sellschaft gegen verbrecherisches Tun ausschlaggebend war, so sind 
diese Gesetze ein Kompromiß auf Kosten des — nach unserer Meinung 
— ohnehin schon durch die Gesellschaft genug Geschädigten. 

Es ist aber nicht unbedingt erforderlich, den Zeitpunkt abzuwarten 
zu dem die Fürsorgeerziehung vollständig ausreicht. Sehr bald H eß ^ 
sich ein bedeutender Abbau jugendstrafrechtlicher Bestimmungen ex> _ 
möglichen, wenn an Stelle der bisherigen Verurteilung eine „Beurt ei . 
lung" eingeführt werden würde. Die Verurteilung ist Sache des Straf! 
richters. Die Beurteilung könnte bei der Kompliziertheit des Problem^ 
von einer Person überhaupt nicht gemacht werden. Der Strafrich- 
ter käme dabei wohl nicht in Frage, gewiß aber der Vormundschafts- 
richter, — noch besser der Erziehungsrichter, der gemeinsam mit dem 
Arzte, dem Psychoanalytiker, dem Heilpädagogen, Fürsorgeerzieher, 
Fürsorger, Fürsorgerin, kurz mit allen Faktoren, die Material für die 
Beurteilung liefern und die erforderlichen Maßnahmen treffen könnten, 
zu arbeiten hätte. Der jugendliche Rechtsbrecher wäre der Kompetenz 
des Strafgerichtes zu entziehen und dieser angedeuteten Körperschaft 
zuzuweisen, die sich etwa als „Erziehungssenat" zu konstituieren 

hätte. 

Wir denken gewiß nicht daran, daß der Erziehungssenat, wenn er 
heute in Funktion tritt, schon morgen in der Lage ist, alle jugend- 
lichen Rechtsbrecher fürsorgeerzieherisch vollkommen einwandfrei 
zu behandeln. Es wird ihm vor allem an der Anzahl und Ausgestal- 
tung der Einrichtungen fehlen, an Erfordernissen, die, so wie sie ge- 
braucht würden, augenblicklich gar nicht zu schaffen sind. Der Er- 
ziehungssenat soll nur ein weiterer Schritt jener Entwicklung sein, 
die mit der Schaffung des Jugendgerichtes eingeleitet wurde. Er soll 
der Ausdruck dafür sein, daß das Jugendger icht nicht den End- 

«) „Die Fürsorge für die verwahrloste Jugend", 1. Band, 3. Teil, S. 100. Wien 1908. 



Kann der Jugendliche straffällig werden? 



95 



punktderEntwicklung darstellen darf, daß es nicht gilt, das 
Jugendgericht auf lange Zeit hinaus zu sichern und das Gericht aus- 
zubauen, sondern daß die Ausgestaltung in einer anderen Richtung 
liegen muß. Er sollte als Keimzelle für die in der Jugendfürsorge 
immer mehr in den Vordergrund tretende Erziehungsfürsorge wirken. 
Es ist anzunehmen, daß die Anregung, den jugendlichen Rechts- 
brecher der Strafgerichtsbarkeit zu entziehen und dem Erziehungs- 
senat zu übergeben, leichter hätte Annahme finden können, solange 
die Entwicklungsrichtung noch nicht so festgefügt war. Wir wissen, 
daß sehr große Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, ehe nur 
die endgültige Zusammensetzung des Erziehungssenates, seine öffent- 
lich-rechtliche Stellung, der Wirkungskreis, seine Abgrenzung gegen 
Polizei und Strafgericht usw. festgelegt sein werden. Wir sind uns 
auch bewußt, daß ein so großer Fragenkomplex wie dieser ohne 
gründliche Vorbereitung und Erörterung mit allen in Frage kommen- 
den Faktoren einer wenn auch nur vorläufigen Erledigung nicht zu- 
geführt werden kann. Wir wären daher schon sehr befriedigt, wenn 
die Anregungen, die wir hier gegeben, den Anstoß zu einer anderen 
Lösung des Problems der Behandlung jugendlicher Rechtsbrecher als 
der bisher geübten bilden würden. 



. 















■ 















Psychoanalytische Gespräche mit einem 

Kiemen Kind 
Von Liselotte Gero, Prag 

Die folgende genaue Darstellung der Behandlung einer am Beginn 
befindlichen Kinderneurose entstand auf folgende Weise. In einer 
analytisch pädagogischen Arbeitsgemeinschaft berichteten Kinder- 
gärtnerinnen und Mütter über Kinder, mit denen sie Schwierigkeiten 
hatten. Man kam meistens überein, daß man über dieses und jenes mit 
dem Kind sprechen müsse, sei es, um das Kind besser zu verstehen, 
sei es, um es therapeutisch zu beeinflussen. Da ergab sich häufig, daß 
Mütter und Pädagogen sich bei solchen Versuchen, an das Kind heran- 
zukommen, hilflos zeigten, besonders, wenn es sich um sehr kleine 
Kinder handelte. Es wurde deshalb der Plan gefaßt, bei der nächsten 
geeigneten Gelegenheit den genauen Verlauf solcher therapeutischer 
Gespräche mit einem Kinde zu schildern. 

Die folgende Wiedergabe der Gespräche mit dem zweidreiviertel- 
jährigen Heini ist vielleicht noch aus einem andern Grund von Inter- 
esse. Sie zeigt, mit wie geringen Mitteln die Entwicklung einer 
Kinderneurose aufgehalten werden kann und wie wichtig darum die 
analytische Schulung von Kindergärtnerinnen und Pädagoginnen ist. 
Die Schwierigkeiten des kleinen Heini bestanden darin, daß er, wenn 
die Mutter wegging, stundenlang schrie und weinte und durch nichts 
zu beruhigen war. Außerdem machte er Schwierigkeiten beim Ein- 
schlafen und in der Nacht. Solche oder ähnliche Angstzustände werden 
häufig bei Kindern dieses Alters beobachtet und als störend, aber 
nicht als behandlungsbedürftig angesehen, sie werden entweder mit 
Strenge bekämpft oder mit übergroßer Nachgiebigkeit gestützt. Oft 
verschwinden sie nach einiger Zeit, häufig aber bilden sie die Grund- 
lage für schwerere neurotische Symptome. Da hier nicht bloß mit 
pädagogischen Mitteln, sondern in wesentlichen Punkten mit der ana- 
lytischen Methode gearbeitet wurde, und somit die Angst nicht unter- 
drückt, sondern der angsterzeugende Konflikt beseitigt wurde, kann 
man hoffen, daß eine spätere Symptombildung verhindert werden 
konnte. 

Die Mutter berichtete in der oben erwähnten Arbeitsgemeinschaft, 
daß Heini, 2,9 Jahre alt, bis vor kurzem ein gesunder, vergnügter 
Junge gewesen sei, ohne irgendwelche besonderen Schwierigkeiten. 
Seit einigen Wochen habe sich Heini verändert, und zwar am auf- 
fälligsten nach einer Weihnachtsreise, die die Eltern mit ihm gemacht 



■ 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 07 

haben. Es stellte sich heraus, daß er während des Weihnachtsaufent- 
haltes auf einem Sofa neben dem Bett der Mutter geschlafen hatte, 
während der Vater im selben Raum, aber nicht wie zu Hause neben 
der Mutter schlief. Zu Hause schlafen die Eltern in Ehebetten, Heini 
hat sein eigenes Schlafzimmer neben dem Zimmer der Eltern. 

Nach der Rückkehr von der Weihnachtsreise quälte Heini die 
Mutter damit, daß er sie sehr oft in der Nacht hereinrief und sie bat, 
ihn zuzudecken. Abends schlief Heini nur bei Licht ein. Sein Ver- 
langen nach Licht begründete er damit, daß er seine Hände, die er 
immer auf die Decke legte, sehen müsse. Zur gleichen Zeit fiel der 
Mutter auf, daß Heini eine starke Eifersucht auf den Vater zeigte. 
Wenn die Mutter fortging, um Walter, so heißt der Vater, vom Büro 
abzuholen, erklärte er: „Walter schon groß, kann allein gehen." Die 
Unruhe, wenn die Mutter fortging, bestand schon vor dieser gemein- 
samen Reise, nahm aber danach stark zu, so sehr, daß jeder Fortgang 
der Mutter das Kind in höchste Erregung brachte. Es schien aus dem 
Bericht der Mutter hervorzugehen, daß keine groben Erziehungs- 
fehler vorlagen. Heinis Mutter ist eine kluge, natürliche Frau, die 
sich mit liebevollem Eingehen auf ihr Kind einstellte. Das Symptom 
des Kindes empfand sie als etwas Unverständliches, als etwas, das 
sich den gewöhnlichen Erziehungsmaßnahmen entzog. So willigte sie 
gern ein, daß eine analytisch geschulte Pädagogin die Beobachtung 
des Kindes übernehme und laufend der Arbeitsgemeinschaft über ihre 
Zusammenkünfte mit dem Kind berichte. 

Erster Besuch 

Heini holt mich mit der Mutter von der Bahn ab. Auf dem Weg ist 
er still, taut sichtlich auf, als wir nach Hause kommen, ist dann von 
Anfang an zutraulich. 

Beim Nachhausekommen bemängelt er, daß er leicht angeschmud- 
delte Handschuhe anhat; mir fällt das als übertrieben auf. Als er aus- 
gezogen ist, zeigt Heini mir stolz sein schönes Zimmer. Er hat einen 
kleinen Spieltisch, auf dem eine kleine Puppenbettstelle steht, ich 
habe ihm zwei kleine Puppen mitgebracht, von denen die kleinere 
zufällig hineinpaßt. Heini freut sich sehr mit den Puppen. Als ich 
ihn frage, wie die kleine Puppe heißen soll, Peter oder Heini, sagt 
er „Heini", er geht dann gern auf meinen Vorschlag ein, die große 
Puppe „die Mamapuppe" zu nennen. 

Ich frage, ob es eine gute oder böse Mama ist, Heini sagt: „Eine 
böse Mama, wenn sie weggeht." Später sagt er oft im Spiel: „Meine 
Mama, meine Mama." Er sagt es mit großer Zärtlichkeit. Ich schließe 



98 Liselotte Gero 



aus diesem gesteigerten Affektausdruck, daß die Zuneigung zur 
Mutter besonders heftig ist und daß er Gründe hat, seine Zugehörig- 
keit zur Mutter besonders zu betonen. 

Als wir die Heinipuppe zu Bett bringen, und ich frage, ob Heini 
sich schon allein zudecken kann, sagt er: „Nein, Mama immer Heini 
zudecken." Später deckt Heini manchmal die Mamapuppe zu, manch- 
mal so, daß er ihr ganzes Gesicht verdeckt, manchmal deckt er sie 
unten auf. Danach spielt Heini, daß er im Bett liegt, und daß die 
Mama zu ihm kommt, sich zu ihm legt und er sagt dazu: „Mama auf 
Heinis Bauch." Dann spielt er „Tunnel", das ist so, daß die Heini- 
puppe zwischen den Beinen der Mamapuppe hindurchgeht. Als ich 
frage, wo der Walter (sein Vater) schlafen soll, zeigt Heini auf die 
Mamapuppe, die im Bett liegt und sagt: „Mama kein Platz." Es ist 
also deutlieh, daß er mit der Mutter schlafen will, dem Vater aber 
den Platz neben ihr nicht gönnt. 

Während des Spiels bemängelt Heini, daß in unserm Puppenzimmer 
keine Lampe ist. Dann stellt er bedauernd fest, daß Boska nicht da 
ist. Boska ist das Dienstmädchen, mit dem er gut steht. Ein Weilchen 
später sagt er, auf die Puppe zeigend: „Heini schreit, weil in seinem 
Bett Sehmutz, Boska ihn heraustragen." 

Später zeigt mir Heini, daß er an einer Hand Wehweh hat, er sieht» 
daß auch ich an einem Finger ein kleines Wehweh habe. Heini nimmt 
daraufhin jeden meiner Finger einzeln in die Hand, sieht genau hin, 
und stellt fest, daß ich sonst kein Wehweh habe. Ich denke dabei, das 
Kind, das am Abend seine Hände sehen will, interessiert sich eben 
auch besonders für die Unversehrtheit meiner Hände. 

Ich verlasse Heini mit dem Gefühl, daß sein ganzes Wesen nicht 
den Eindruck eines neurotischen Kindes macht. Ich nehme aus der 
Unterhaltung die Erwartungsvorstellung mit, daß eine Befürchtung, 
wegen einer Beschädigungsgefahr für seinen Körper (Kastrations- 
angst), seine Eifersucht auf den Vater, wahrscheinlich auch seine 
Angst, sich zu beschmutzen, einen Anteil an seinen akuten Beun- 
ruhigungen haben könnten. Wir werden sehen, ob seine manifeste 
Angst, von der Mutter verlassen zu werden, nicht irgendwie mit die- 
sen Ängsten zusammenhängt. 

Zweiter Besuch 

Heini begrüßt mich sehr freundlich. Es fällt mir auf, daß er, ob- 
gleich er ganz saubere weiße Strümpfe anhat, bemängelt, daß sie 
nicht sauber seien. Wir fangen wieder an, mit den Puppen zu spielen. 
Die Mutter macht beiden Puppen Nachthemden, die Heini sehr schön 
findet. Als Bett für die große Puppe nimmt Heini auf Vorschlag der 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 99 

Mutter ein Auto. Als ich frage, wo die Heinipuppe liegen soll, legt 
er die Heinipuppe neben die Mamapuppe ins Auto. 

In dem Auto liegen Billets, Spielkarten und ein Locher. Dafür 
interessiert sich Heini sehr. Er selbst kann noch nicht lochen, strahlt 
als ich es kann, er glaubte nämlich, daß es nur die Mama könne und 
verlangt, daß ich in alle Spielkarten Löcher knipse. Es ist auffallend, 
daß er bei den Treffkarten verlangt, daß ich in die Blumen, wie er 
die Treffs nennt, keine Löcher hineinknipse, sondern das Loch da- 
neben mache. In die roten Caros dagegen soll ich mitten hinein 
knipsen. 

Später nimmt er das Puppenspiel wieder auf. Die Heinipuppe sitzt 
jetzt allein im Auto, vorn auf dem Kühler steht eine kleine Taschen- 
lampe. Er sagt dazu: „Heini soll so schief sitzen, daß er die Lampe 
sieht." Ich frage, wozu Heini die Lampe brauche, ob zum Sehen der 
Hände? Heini bejaht das. Während Heini das sagt, stößt er gegen 
den Tisch und sagt: „Heinipuppe macht den Krach." 

Bei diesem Besuch küßt mir Heini einmal unvermittelt die Hand. 
Da ich nicht um das Kind werbe, scheint meine innere Bereitschaft, 
wirklich auf das Kind einzugehen, seine Einstellung zu mir so positiv 
zu machen. 

Heini erzählt dann sehr spontan von einem kleinen Kind, Mimi, 
das er beim Baden gesehen hätte. Die Mutter, die den Eindruck hatte, 
daß sich Heini mit den Fragen des Geschlechtsunterschiedes beschäf- 
tige, fragt ihn, ob Mimi auch einen Klutschischek (= Bubi, Heinis 
Ausdruck für Penis) hätte. Heini bejaht das. Ich sage ihm, das sei 
sicher nur ein Spaß, Mädchen und Frauen hätten keinen, nur Buben 
und Männer. Die Mama hätte auch keinen. Heini: „Doch, Mama hat 
einen, Tante auch." Die Mutter und ich wiederholen, daß wir und alle 
andern Mädchen und Frauen keinen hätten. 

Dritter Besuch 

Mir fällt auf, daß Heini im Spiel immer wieder auf Schmutz zurück- 
kommt. Er hat z. B. ein Garagenhaus und erklärt, in dem einen Teil 
könne das Bett nicht stehen, da sei es zu schmutzig. Als wir darüber 
sprechen, sage ich ihm, es sei gar nicht so schlimm, wenn einmal 
etwas schmutzig sei, die Mutter würde auch gewiß nicht deswegen 
schimpfen; die Mutter bekräftigt das. Ich frage, ob dieBoska schimpft, 
wenn er einmal etwas schmutzig gemacht hat. Heini bejaht es. Was 
Boska denn sage? Heini antwortet: „Da Heini schmutzig gemacht." 

Später zeigt mir Heini ein Magazin mit Bildern. Von verschiedenen 
Bildern behauptet er: „Da Walter und da Mama." Dann zeigt er mir 
das Bild von einem dicken, betrunkenen Schutzmann, vor dem er 



100 Liselotte Gorö 



. 



Angst hat; zur Mutter hatte er vor meinem Besuch gesagt, der würde 
Heini auffressen. Mir sagt Heini nichts von dieser besonderen Angst, 
und ich versäume es, direkt danach zu fragen. Ich sage ihm, der 
Schutzmann sei gewiß so dick, weil er so viel Knödel und Mehlspeisen 
esse, er sei sicher ein ganz guter Mann. Es schien mir später, daß 
ich Heini mit meiner zu rasch erfolgten Beruhigung über den Schutz- 
mann in seiner Bereitschaft, von seinen Phantasien mehr zu erzählen 
gebremst habe. 

Vierter Besuch 

Dieses Mal bringe ich Heini eine dritte Puppe mit, mit der er große 
Freude hat. Ich frage, wie die Puppe heißen soll, er sagt sofort 
„Walter". Die Mama und die Heinipuppe setzt er wieder zusammen 
ins Auto. „Für Walter kein Platz", erklärt er zuerst, nach einer Weil© 
sagt er freudig, als wäre ihm eine bessere Lösung eingefallen: „Wal- 
ter doch Platz", er setzt dann die ganze Familie zusammen. 

Heini spricht später von jemandem, der schon groß ist und nicht 
schreiben könne. Ich sage: „Dann wird er wohl doch schreiben kön- 
nen." Ich frage Heini, ob er weiß, daß er einmal ganz klein war. 
Heini darauf: „Heini kein Baby." Ich sage: „Jetzt ist Heini groß 
aber er war einmal ganz klein, ich und alle Menschen waren auch 
einmal klein." Heini zeigte sich an diesen Erklärungen nicht inter- 
essiert. Er wollte hier etwas ganz anderes vor mir ausbreiten: die 
Mitteilung, daß er groß sein wolle; auch, wenn er noch nicht schrei- 
ben kann, soll ich ihn als groß anerkennen und seinen Wunsch ver- 
stehen, an Stelle des Vaters mit der Mutter zusammen oder zum min- 
desten der dritte im Bunde zu sein. Das nicht sofortige Erfassen der 
Situation dieser Stunde führte dazu, daß ich ein anderes Thema etwas 
forcierte. Die Tatsache, daß Heini in jeder Stunde eine gewisse Angst 
vor dem Schmutz zeigte, schien es mir notwendig zu machen, mit 
ihm direkt von analen Dingen zu sprechen. Ich fragte ihn, ob er bei 
Mimi, die noch ganz klein ist, gesehen hat, wie sie in die Windeln 
gemacht hat. Heini bejaht es. Ich sage daraufhin, daß so kleine Kin- 
der immer ins Bett machten, so große Jungen wie er täten das nicht 
aber manchmal hätten sie noch Angst davor. Heini reagiert hier 
überhaupt nicht, d. h. er hört deutlich weg, man hat das Gefühl eines 
ausgesprochenen Widerstandes. Rückblickend kann man sagen, daß 
wir in dieser Stunde aneinander vorbeigedacht haben. Beruhigend 
dabei erscheint, daß auch, wenn man einmal mißversteht, das Kind 
von seinem Weg nicht abzubringen ist. Er blieb bei seinem Thema 
(spielte mit Zügen und Verkehrsmitteln), auch wenn ich ihn zu einem 
andern, dem analen Thema heranführen wollte. 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 101 

Fünfter Besuch 

Heini zeigt mir voller Stolz ein Holzhaus, das er geschenkt be- 
kommen hat. Er fährt mit Begeisterung mit dem Zug in das Haus 
hinein und wirft es um. 

Die Mutter macht dieses Mal in meiner Gegenwart den Versuch, 
Heini zu sagen, daß sie fortgehen wolle, um einzukaufen, er solle bei 
mir bleiben. Heini reagiert sofort mit Weinen: „Mama nicht weg- 
gehen." Die Mutter gibt ihm daraufhin nach und bleibt zu Hause. Ich 
verhalte mich dabei passiv. Als ich fortgehe, meint die Mutter, ich sei 
wohl böse auf Heini. Ich sage: „Nein, ich bin gar nicht böse." Als er 
mich fragt, ob ich ihn lieb hätte, betone ich, ich hätte ihn sehr lieb, 
aber ich müsse trotzdem weggehen. Als die Mutter Heini fragt, was 
ich gesagt hätte, wiederholt Heini aber nur: „Tante weggeht." 

Die Angst vor Schmutz wiederholt sich immer. Als Heini z. B. eine 
Banane bekommt, die innen ein bißchen weich ist, will er sie zuerst 
nicht essen, meint, sie sei schmutzig, und ißt sie erst nach der Be- 
teuerung der Mutter, daß es kein Schmutz sei. 

Sechster Besuch 

Bei dem diesmaligen Besuch kommt mir die Mutter mit Heini ent- 
gegen. Sie schlägt mir vor, doch schon mit Heini nach Hause zu 
gehen, sie hätte noch etwas zu besorgen und käme nach. Heini geht 
zuerst ruhig mit mir, sieht sich allerdings sehr oft nach der Mutter 
um. Als wir nicht mehr weit von zu Hause fort sind, fängt er plötz- 
lich schrecklich zu weinen an, erklärt: ,,Maina suchen, nicht nach 
Hause gehen." Er sagt es so verzweifelt, daß ich ihm nach kurzer 
Überlegung sage: „Gut, wir können umkehren und auf die Mama 
warten." Nach Hause hätte ich ihn nur unter Zwang bringen können 
und damit wäre alles verdorben gewesen. Als wir an der Biegung 
sind, an der wir uns von der Mutter getrennt hatten, wird Heini 
immer heftiger, sagt: „Tante, Mama suchen, Mama weg, Tante auch 
weggehen", stößt sogar mit den Fäustchen nach mir. Ich gehe darauf 
ein, gehe ein kleines Stückchen allein, um die Mama zu suchen, einige 
mich dann mit Heini darauf, daß wir die Mama zusammen suchen 
wollen. Ich ermuntere ihn zwischendurch, nur ordentlich zu schimpfen 
und zu weinen, aber auch einmal ordentlich zu schimpfen, wenn die 
Mama kommt. Ich frage ihn, warum er Angst hätte, ob er glaube, daß 
die Mama nicht wiederkommt. Er bejaht das. Zwischendurch erklärt 
er immer wieder: „Nicht nach Hause gehen, Mama suchen." Einmal 
sagt er auch: „Tante Heini ärgert." Als die Mutter endlich kommt, 
ist Heinis erste Frage: „Mama bös?" Die Mama gibt ihm daraufhin 



102 Liselotte Gero 



einen Kuß, zeigt sehr deutlich, wie wenig bös sie ihm ist. Dieses 
Verhalten der Mutter war von ihren neuen Einsichten bestimmt, die 
sie während unserer Unterhaltungen gewonnen hatte. Sie hatte ihm 
sonst, wenn er bei ihrem Weggehen weinte, gesagt, sie sei böse dar- 
über. Sie sah nun ein, daß eine Ursache seines Weinens die Angst 
war, ihre Liebe zu verlieren, und daß sie diese seine Angst verstär- 
ken mußte, wenn sie sich als böse bezeichnete. 

Ich erzählte nun der Mutter, daß Heini bös auf die Tante und auf 
die Mama war. Gleichzeitig betone ich oft, daß sowohl die Mama wie 
ich ihn sehr lieb hätten. Zu Hause wiederholen wir dieses Thema im 
Puppenspiel, d. h. die Heinipuppe schimpft auf die Mamapuppe, wäh- 
rend die Mamapuppe sehr lieb zur Heinipuppe ist. 

Am gleichen Nachmittag hat Heini die Mutter ruhig fortgehen 
lassen, ist ohne Weinen eingeschlafen und hat länger also sonst fest 
geschlafen. Dies war das erste ruhige Einschlafen seit Wochen. 

Siebenter Besuch 

Am nächsten Tag bringe ich Heini Straßenbahnbillets mit, die ich 
für ihn gesammelt hatte. Als er sich darüber wundert, daß es so viele 
sind, betone ich wieder, daß ich Heini lieb hätte. Heini sagt ganz 
glücklich: „Tante gestern ärgert, Heini lieb hat." Später fragt er 
unvermittelt die Mama: „Heini ärgert, Mama lieb hat?" Die Mutter 
erzählt mir, daß er zwischendurch gesagt hätte, er fürchte sich vor 
der Großmutter, weil er sie geärgert hätte. Ich sage: „Ja, ich glaube, 
der Heini meint immer, wenn er einmal jemanden ärgert, dann hat 
der ihn nicht lieb", und dabei hätten wir ihn doch alle lieb, auch wenn 
er uns einmal ärgert. Im Puppenspiel spielen wir diesmal, daß er die 
Mamapuppe ordentlich ausschimpft. Ich frage, wie Heini denn 
schimpft; Heini sagt nur: „Heini weint." Schimpfen und weinen 
scheinen also für ihn zusammenzughören. Die Mutter schlägt vor, 
daß die Heinipuppe die Mamapuppe hauen soll. Das traut sich Heini 
nicht, er haut zuerst die Heinipuppe. Erst, als ich ihm dabei helfe, 
macht er mit. Es schien uns richtig, Heini glaubhaft erleben zu 
lassen, daß wir seine Aggressionen verstehen und sie nicht mit Gegen- 
aggressionen erwidern. 

Auch an diesem Tag ließ Heini die Mutter, ohne zu weinen, fort- 
gehen und sehlief auch abends ruhig ein. 

Achter Besuch 

Dieses Mal ist das Wesentlichste folgendes kleine Gespräch. Die 
Mutter fragt: „Was hat Heini die Mama?" Heini: „Lieb." Ich sage: 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 103 

„Was hat die Mama Heini?" Heini: „Lieb." Ich frage: „Und die 
Tante?" Heini: „Tante ärgert und Heini lieb hat." 

Neunter Besuch 

Als ich wieder zu Heini komme, erzählt mir die Mutter folgendes: 
Heini hatte bei einem Besuch der Großmutter sich nicht rechtzeitig 
gemeldet, so daß das Höschen etwas naß wurde. Die Mutter halte 
daraufhin gar nicht gescholten, und Heini soll zum Schluß erklärt 
haben: „Heini ärgert, Mama nicht schimpft, wie Tante." Ich habe 
Heini an diesem Tag ein kleines Puppenbett mit einer hineinpassen- 
den kleinen Puppe mitgebracht. Heini tauft sie auch Heini, so daß 
wir zwei Heinipuppen haben, eine ganz kleine und eine größere. "Wir 
spielen dann, daß die kleine Puppe — , bei diesem Spiel gibt Heini 
ihr aber einen andern Namen — , auch „Hanba macht". (Hanba ist 
Heinis Name für Urin und heißt [tschechisch] Schande, Heini spricht 
mit Boska tschechisch.) Wir trösten die Puppe dann sehr, sagen: 
„So etwas kann ja vorkommen" und ähnliches. Heini geht darauf 
freudig ein, erzählt der Mutter sofort, daß eine Puppe „Hanba" ge- 
macht hätte. 

Der Mutter passiert es an diesem Tag, daß sie etwas Gemüse an- 
brennen läßt. Ich sage: „Schau, die Mama ist traurig, daß ihr so 
etwas passiert ist, wir wollen sie trösten." Heini erklärt daraufhin 
sofort: „Gemüse essen", d. h. er will das Gemüse doch essen, er will 
die Mutter so wenig strafen wie sie ihn. Es lag mir daran, ihm zu 
zeigen, daß auch Erwachsenen etwas passieren kann, um ihn von 
seinen Schuldgefühlen zu entlasten. 

Zum Schluß nimmt Heini eine Schachtel und wirft damit nach mir. 
Ich frage sehr freundlich, warum er das mache, ob er mir weh tun 
wolle, er verneint das. Ich sage ihm, wenn es ihm Spaß mache, soll 
er nur weiter werfen, er wirft daraufhin mit der Schachtel nach der 
Mutter, strahlt dabei. 

Die letzten Besuche 

Bei den drei letzten Besuchen erfahre ich, daß Heini gelegentlich 
eine aggressive Haltung gegen die Mutter einnimmt. So sagt er ihr 
öfter böse: „Geh weg" oder „Geh spazieren". Die Mutter beobachtete, 
daß er solche Worte zu ihr sagte, wenn er meinte, daß sie sich zum 
Fortgehen rüste. Ist sie also dabei, das Zusammensein mit andern 
Menschen seiner Gesellschaft vorzuziehen, so wird er ihr böse, und 
die seinem Alter entsprechende Form des Böseseins lautet: „Geh 
weg". Er wagt mit diesen Worten, seinen aggressiven Stimmungen 
deutlich Ausdruck zu geben, seitdem er keine Angst mehr hat, daß 



104 Liselotte Gero 

die Mutter ernsthaft fortgehen, ihn wirklich verlassen könne. Es 
bleibt aber dabei, daß er bei ihrem Fortgehen nicht weint und sie 
auch nachts nicht mehr stört. 

Von mir holt er sich während der letzten Besuche noch ein Stück 
Aufklärung über den Unterschied zwischen Knaben und Mädchen. Als 
er mich fragt, ob ein Junge, den er durch mich kennen gelernt hat, 
auch einen „Klutschischek" hätte, versichere ich ihm, daß alle Jungen 
einen hätten, daß er ganz fest angewachsen sei und nie verloren 
gehen könne. 

Die Mutter erzählt mir in Heinis Gegenwart, daß Heini sie gefragt 
hätte, wie denn Frauen ohne einen „Klutschischek" Hanba machen 
könnten, und daß er sie auf die Toilette begleiten wolle, um zu sehen, 
wie sie es mache. Ich erklärte Heini das Urinieren der Mädchen und 
Frauen und rege an, daß die Mutter ihn gelegentlich bei einem kleinen 
Mädchen zusehen lassen soll. Da ich außerdem aus einigen Äuße- 
rungen des Kleinen den Eindruck gewinne, daß er nach dem Ent- 
stehen der Babies forscht, rede ich der Mutter zu, das Kind über dieses 
Problem aufzuklären. Heinis Interesse war durch das Baby der 
Portierfrau angeregt, und er erkundigte sich bei der Mutter, ob er 
als Baby bei ihr aus der Brust Kakao getrunken habe. Ich habe das 
Kind nicht selbst aufgeklärt, weil die Mutter meine Meinung noch 
nicht ganz teilte, daß die Zeit für eine Aufklärung gekommen sei. Da 
die Mutter sonst in besonders verständnisvoller Art auf alles einging, 
schien es mir richtig, ihr nicht vorzugreifen, sondern ihr Zeit zum 
Überwinden ihrer Hemmungen zu lassen. 

Heinis Mutter ist mit besonderem Einfühlungsvermögen auf das 
Kind eingegangen; sie zeigte viel Verständnis für meine Behandlung 
seiner Schwierigkeiten und ohne ihre Hilfe wäre ein so rascher Er- 
folg beim Kinde wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Da ich mit 
ihr und dem Kind auch weiterhin in Kontakt blieb, war zu erwarten, 
daß einer von uns die Aufklärung nachholen würde, wenn Heini über- 
zeugendere Anzeichen seiner Neugierde geben würde. 

Nachtrag 

Seit diesen zwölf Besuchen sind fünf Monate vergangen. Der Er- 
folg unserer Behandlung hält an. Heini hat inzwischen eine größere 
Reise mit seinen Eltern gemacht, bei der die Eltern häufig über den 
ganzen Tag Ausflüge machten. Heini blieb friedlich zu Hause. Auch 
seine Schwierigkeiten beim Einschlafen und in der Nacht tauchten 
nicht wieder auf. 

Kurz nach dem Aufhören unserer Gespräche kam es einige Male 
vor, daß er sieh im Spiel nicht rechtzeitig unterbrach und infolge- 



i 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 105 

dessen seine Höschen etwas einnäßte. Er kam dann jedesmal zur 
Mutter, meldete den Unfall mit den Worten : „Nicht wahr, Mama, macht 
nichts." Die Mutter blieb tolerant. Gleichzeitig begann er manuell zu 
onanieren. Er zeigte es der Mutter und fragte ängstlich, ob die Hände 
nicht dabei schmutzig würden. Die Mutter sagte in großer Ruhe, 
man könne die Hände ja wieder waschen und beachtete die Onanie 
des Kindes nicht weiter. Die Toleranz der Mutter ließ Heini in seinen 
Wünschen kecker werden. Er bat die Mutter, als sie mit seiner Kör- 
perpflege beschäftigt war, sie möchte mit seinem „Klutschischek" 
spielen. Die Mutter sagte ihm, daß Mamas mit den Klutschischeks ihrer 
Kinder nicht spielen, eine Auskunft, die Heini ruhig hinzunehmen 
schien. 

In diesen letzten Monaten ändert sich Heinis Einstellung zum 
Vater. Er lehnt den Vater häufig ab, rühmt sich, wenn er Pyjamas 
anhat, in denen er sich sehr als Herr vorkommt, er sei jetzt der Wal- 
ter. Gelegentlich ist er mit dem Vater sehr kameradschaftlich und 
betont das Männlichsein. 

Bemerkungen zur Therapie des Falles 

Interessant für den Analytiker ist, wie die Lockerung der analen 
Verbote die genitalen Wünsche freier werden läßt 1 ). Es scheint 
auch naheliegend, daß die Angst, die dem urinierenden Penis gilt, 
alles, was mit dem Penis in Zusammenhang steht, ergreift. Deshalb 
treffen wir in diesem Alter Onanieangst auch bei Kindern, die keine 
eigentlichen Onanieverbote bekommen haben, aber durch eine strenge 
anale Erziehung hindurchgegangen sind. Anderseits scheinen die in 
diesem Alter stärker einsetzenden genitalen Erregungen (Beginn des 
Ödipuskomplexes), urethrale und anale Wünsche neu zu beleben. So 
hören wir öfter von Kindern, die um das dritte Jahr herum eine kurze 
Zeit wieder einzunässen beginnen, nachdem sie schon lange Zeit zu- 
verlässig sauber waren. Von andern Kindern in diesem Alter hören 
wir, daß sie Symptome entwickeln, die den verdrängten analen Wün- 
schen entsprechen. 

Versuchen wir nun uns darüber klar zu werden, wodurch die Hei- 
lung dieser beginnenden Neurose in so kurzer Zeit gelingen konnte. 
Dazu müssen wir uns zuerst ein Bild davon machen, was Heinis neu- 
rotische Schwierigkeiten bedeuteten. 

Heini entwickelt um sein drittes Jahr herum eine gesteigerte Liebe 
zur Mutter, er möchte sie jetzt stärker als bisher um sich haben. Wenn 

i) Vergleiche hierzu die Arbeit von Steif Bornstein: „Eine Kinderanalyse", Zeitschrift für 

Kychoanalytische Pädagogik, Heft 7, Juli 1833, wo im gleichen Alter, aber auch erst nach Hei- 
ng der analen Symptome genitale Onanie einsetzt. 



106 Liselotte Gero 



die Mutter nun scheinbar den Vater ihm vorzieht, so ist er ihr böse 
und wünscht sie weg. Kraft des magischen Denkens, das die Kinder 
in diesem Alter beherrscht, fürchtet er jetzt, daß seine Wünsche wirk- 
lich in Erfüllung gehen könnten. Darum weint er bei jedem Fort- 
gang der Mutter so, als ob sie nie wiederkäme. Als er während der 
Weihnachtsreise sein Bett neben dem der Mutter hatte, wuchsen seine 
Liebesansprüche und zugleich seine Eifersucht und seine Aggres- 
sionen gegen sie, wenn sie ihn verließ. Daher die Verschlimmerung 
nach der Reise, als er wieder in sein Zimmer verwiesen wurde. Jetzt 
beginnen auch die großen Schwierigkeiten beim Einschlafen und das 
häufige Herbeirufen der Mutter in der Nacht. Wir vermuten, daß er 
zu dieser Zeit den Wunsch zu onanieren abwehrt, sein allabendliches 
Verlangen, er müsse Licht haben, um die Hände über der Decke zu 
sehen, spricht dafür. Wie ist aber diese Abwehr zu verstehen 2 ) ? Heini 
weist selbst auf die Erklärung hin, denn als er später zu onanieren 
wagt, vergewissert er sich, ob die Mutter es ihm nicht verbietet, weil 
er sich dabei die Hände beschmutzen könne. Da er ja das Fortgehen 
der Mutter als Strafe für seine bösen Wünsche fürchtet, hat er Angst, 
sie noch mehr zu erzürnen, wenn er sich schmutzig macht, und Ona- 
nieren setzt Heini dem Beschmutzen der Hände gleich. Diese unge- 
lösten Spannungen machen Heini schlaflos. Ruft er aber nachts die 
Mutter mehrmals zu sich, damit sie ihn zudecke, so äußert er hierin 
die Tendenzen, die sich in ihm bekämpfen. Die Mutter soll ihn vor 
der Onanieversuchung schützen, wenn sie ihn zudeckt und dabei 
sieht, wie er die Hände über die Decke legt, anderseits befriedigt sie 
seinen Wunsch nach ihrer Nähe, und drittens trennt er sie auf diese 
Weise vom Vater. So sehen wir, wie in diesem Symptom sowohl die 
Triebwünsche als auch die Abwehr gegen sie Ausdruck finden. Aber 
weder aus seinen Symptomen noch aus seinen Mitteilungen in Ge- 
sprächen und Spielen geht hervor, daß seine Onanieangst mit Schuld- 
gefühlen, die sich auf den Vater richten, zusammenhängt. Seine Ag- 
gressionen scheinen nur der Mutter zu gelten. 

Den therapeutischen Vorgang stellen wir uns so vor: Wir machten 
ihm vor allem diese seine Aggressionen gegen die Mutter bewußt und 
lehrten ihn, mit diesen Aggressionen besser als bisher fertig zu wer- 
den. Wir ermutigten ihn zu schimpfen, wo er bisher nur weinte. Und 
wir ließen ihn erleben, daß er schimpfen kann, und daß die Mutter 
trotzdem lieb zu ihm ist, daß also seine Angst, die Mutter werde böse 
sein, wenn er böse ist, unbegründet war. Von dem Tag an, an dem er 

») Wenn es auch wahrscheinlich ist, daß ein Gebot, die Hände über die Decke zu legen — 
zwar nicht von der Mutter aber — von der Großmutter oder „Boska" einmal erfolgt ist, so bleibt 
doch die Frage offen, warum ein solches Gebot so stark wirken konnte. 



i 



Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 107 

dieses eindrucksvoll erleben und im nachträglichen Spiel die Erfah- 
rung vertiefen konnte, war die Kraft des Symptoms gebrochen. 

Was geschah außerdem im therapeutischen Prozeß? Obwohl der 
Konflikt, den wir in ihm vermuten, nicht in allen Teilen analytisch 
durchgearbeitet wurde, hat er doch beim Spiel mit den Puppen seine 
Wünsche in Bezug auf die Mutter („Mamapuppe bei Heinipuppe, für 
Walter kein Platz"), bewußt äußern dürfen. Da sein Konflikt noch 
nicht lange anhielt, mochten diese geringfügigen Hilfen schon genug 
Entlastung bedeutet haben. 

Die Möglichkeit einer so raschen Hilfe wird aber vor allem ver- 
ständlich, wenn man daran denkt, daß Kinder in Heinis Alter noch 
kein Über-Ich besitzen. Zwar hat Heini bereits die Verbote der Mutter 
verinnerlicht, eine Instanz in sich ausgebildet, die in ihm über Gut 
und Böse richtet, ihm das Schmutzigsein und das Aggressivsein ver- 
bietet. Seine wahrscheinlich während der Reinlichkeitserziehung er- 
worbenen Identifizierungen mit der Mutter können wir als V o r- 
stufen des Über-Ichs ansehen. Das eigentliche Über-Ich wird 
aber, wie Freud in „Ich und Es" darstellt, zur Überwindung des 
Ödipuskomplexes aufgerichtet. Aus Angst vor der Strafe und der 
Rache des beneideten Nebenbuhlers verzichtet das Kind auf seine 
ödipuswünsche und identifiziert sich mit den gebietenden und ver- 
bietenden Eltern. Das Resultat dieser Identifizierungen nennen wir 
das Über-Ich. Weil das so erworbene Über-Ich dazu dient, eine so 
große Aufgabe wie den Abbau des Ödipuskomplexes zu bewältigen, 
ist es so schwer zu erschüttern, wenn es erst einmal stabilisiert ist. 

Heini aber ist von der Bewältigung seines Ödipuskonflikts noch 
weit entfernt. Seine Aggressionen und seine Wünsche sind vor allem 
mit der Mutter verbunden. Er ist zwar bereits eifersüchtig auf den 
Vater, aber seine Angst gilt noch nicht dem Rivalen. Er fürchtet, so 
scheint es nach allem, was wir von ihm erfuhren und aus seinen 
Symptomen verstanden, mehr den Liebesverlust der Mutter als die 
Kastrationstrafe des Vaters. Daher mag schon die geringfügige Hilfe 
zu seiner Erleichterung genügt haben. 

Die Hilfe war nur zum Teil eine analytische, nämlich insofern sie 
ihn seine Konflikte mit der Mutter bewußt erleben ließ. Sie war eine 
pädagogische, soweit sie die Mutter dazu brachte, ihre Anforderungen 
an das Kind zu mildern und verständnisvoller auf seine Angst zu 
reagieren 8 ). 

Wir sahen, daß nach unserer kurzen Behandlung Heini deutlich 
seinen Ödipuskonflikt entwickelte, er wurde aggressiver gegen den 

») Über diese Zusammenarbeit von Analyse und Pädagogik schreibt Anna Freud in ..Ein- 
führung in die Technik der Kinderanalyse" im Kapitel „Zur Theorie der Kinderanalyse". 



108 Liselotte Gero 



Vater und verrät, daß er die Teilnahme seiner Mutter bei seinem 
Onaniespiel wünscht. Man könnte fragen, ob ihm die Auflockerung 
seiner Ängste die nächste Aufgabe, die er zu bewältigen hat, die 
Überwindung des Ödipuskomplexes, nicht erschwert. Wir glauben 
das nicht, weil wir aus Erfahrung wissen, daß ein bewußter Konflikt 
leichter erledigt wird als ein Konflikt, der aus Angst in der Ver- 
drängung gehalten werden muß. Ferner hoffen wir, daß der Abbau 
der Angst, der Heini mit unserer Hilfe gelang, sein Ich so gestärkt 
hat, daß es sich den nächsten Anforderungen gegenüber kräftiger 
zeigen wird. 



• • 












ll!llllllll!ll!lllllillH 





Intellektuelle Hemmung und Eßstörung 

Von Melitta Schmideberg, London 

Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß die erste Beziehung des 
Säuglings der Mutter brüst gilt und daß diese Beziehung, sowie 
sein Verhältnis zum Essen für sein gesamtes Verhalten zur Um- 
welt bedeutungsvoll ist. Eine geisteskranke Patientin sagt: 
„Eigentlich ist alles, Lesen, ins Theater gehen, einen Besuch 
machen, so wie das Essen. Erst erwartet man viel, dann wird 
man enttäuscht. Komme ich zur Analyse, so esse ich Ihre Möbel, 
Ihre Kleider, Ihre Worte. Sie essen meine Worte, meine Kleider, 
mein Geld. Wenn man arbeitet, wird man vom Arbeitgeber auf- 
gegessen. Aber man ißt zugleich selbst. Einen Moment bin ich 
sehr hungrig, dann kann ich wieder nichts essen." 

Eßstörungen sind für Störungen der Objekts- und Realitäts- 
beziehung pathognostisch. Die kleine Beryl 1 ), die an einer 
schweren Eßhemmung litt, war auch sonst ganz wünsch- und 
affektlos, sprach zu niemandem außer ihrer engsten Familie und 
lebte bloß in einer Phantasiewelt. Im gleichen Maße, wie sie 
Appetit zu zeigen begann, fing sie auch an in normaler Weise 
Interessen und Wünschen zu äußern. Bei der dreieinhalbjährigen 
debilen Edna 1 ) lag eine fast völlige Hemmung der Identifizie- 
rungsfähigkeit und des intellektuellen Erfassens vor. Sie litt 
an schweren Eßstörungen und hatte schon als Säugling in ab- 
normer Weise vermieden, Dinge in den Mund zu stecken oder 
zu beißen. Als sie im Verlauf der Analyse dies allmählich nach- 
zuholen und mit Lust und Gier zu essen begann, fing sie auch 
an, sich intellektuell normal zu entwickeln. 

Die Funktionen der Sinnesorgane werden in den Dienst des 
Selbsterhaltungstriebes und von (modifizierten oder unmodifi- 
zierten) libidinösen Triebzielen gestellt. Überdies wird das Auf- 
nehmen mittels der Sinnesorgane, sowie das intellektuelle Er- 
fassen der oralen Einverleibung gleichgesetzt und Affekte von 
Gier, Lust, Angst, Hemmung usw. vom Essen auf diese über- 
tragen. (Vgl. die Ausdrücke ,Schönheitstrunken', .Augenweide', 
, Ohrenschmaus' usw.) Triebhafte Konflikte können demzufolge 

*) Vgl. ausführlicher meine Arbeit: „Kindliche Neurosen." Diese Zeitschrift 1933. 
Zeiteehrift f. psa. Päd., VIH/3/4 q 



110 



Melitta Schmideberg 



die Funktion der Sinnesorgane und des auf diesem basierenden 
Realitätssinnes auf zweierlei Weise hemmen, respektive fördern: 

1. Durch Konflikte, die dem libidinösen Triebziele, in dessen 
Dienst die Sinneswahrnehmungen gestellt werden, gelten. (Z. B. 
Hemmung oder Antrieb, sexuelle Beobachtungen zu machen.) 

2. Durch Störungen der libidinösen Regungen, die sekundär mit 
der Funktion der Sinnesorgane oder den Denkvorgängen ver- 
schmolzen sind. (Z. B. wenn Schauen, Riechen oder Denken als 
orale Handlungen empfunden werden, so können Eßhemmungen 
durch Schau-, Riech- oder Denkhemmungen abgelöst werden.) 

Eine Patientin, die als Kind sehr große Eßschwierigkeiten 
hatte, die später auch nur teilweise schwanden, lernte unge- 
wöhnlich schwer schreiben und lesen. Sie klagt jetzt immer wie- 
der, daß sie Dinge nicht aufnehmen kann. Sie hört oder versteht 
oft nicht, was man zu ihr spricht. Sie hat große Schwierigkeiten 
die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Sie fürchtet, daß ich ihr in 
der Analyse die „Realität aufzwingen" werde, so wie man ihr 
als Kind das Essen und Lernen aufgezwungen hatte. Obzwar 
sie zunächst keine groben Störungen der Objektbeziehung zu 
haben schien, fand sie nach vielen Monaten Analyse, ich sei ihr 
bis dahin völlig unwirklich gewesen und werde allmählich 
realer, ähnlich wie eine Schnitzerei aus dem Holz hervortritt. 
Nach einem Stück Analyse ergab sich zusammen mit einer Ver- 
ringerung ihrer Eßschwierigkeiten, daß sie plötzlich imstande 
war, realistisch zu zeichnen, was sie vorher nicht konnte. Wenn 
sie Schnitzereien machte — die für sie „wirklicher" waren als 
Zeichnungen, erbrach sie zuerst. Die erste Schnitzerei, die si© 
versuchte, stellte ein Kind dar. Als die sie umgebenden Dinge 
und Menschen für sie „wirklicher" wurden, wurden auch ihre 
eigenen Gefühle und Konflikte für sie klarer und wirklicher. 
Erst nach etwa einem Jahr Analyse nahm sie ihre Schwierig, 
keiten, derentwegen sie in Analyse gekommen war, wirklieh 
zur Kenntnis. Früher waren ihr ihre Stimmungsschwankungen, 
Depressionen und Selbstmordgedanken als unwirklich oder nur 
gespielt erschienen oder sie hatte sie, wenn sie abgeklungen 
waren, vollständig vergessen. 

Die Einstellung zu der äußeren Realität entspricht meistens 
der zu der inneren Realität, zu den Affekten; denn nur mittels 



Intellektuelle Hemmung und Eßstörung ■,■,-. 

der Affekte gewinnt man eine Beziehung zur Außenwelt. Die 
eigenen Affekte werden gewöhnlich dem Inhalt des eigenen 
Körpers, den einverleibten Objekten gleichgesetzt. 

Abrahams 2 ) Feststellung, daß die aufnehmende Funktion 
des Essens für das spätere intellektuelle Erfassen vorbildlich ist, 
wurde von verschiedenen Analytikern bestätigt. Alle Fälle von 
intellektueller Hemmung, die ich analysierte, ließen sich auf 
eine frühere Eßhemmung zurückführen. In den Fällen, in denen 
die Eßhemmung aber nicht durch eine intellektuelle Hemmung 
abgelöst wird, scheint dies darauf zu beruhen, daß das intellek- 
tuelle Aufnehmen als weniger real und als weniger aggressiv 
empfunden wird und deshalb weniger Angst hervorruft, als das 
tatsächliche Zerbeißen der Nahrung. 

Die vorhin erwähnte schizophrene Patientin hatte in der 
Kindheit an schweren Eßstörungen gelitten. Als Reaktion auf 
ihre starke orale Gier war es zu einer Eßhemmung gekommen. 
Im Alter von etwa zehn Jahren überwand sie diese Hemmung 
weitgehend, da sie die im Nichtessen ausgedrückten Gefühle des 
Ekels und der Aggression gegen die Mutter aus Angst über- 
kompensieren mußte: Es ist besser, sie ißt von selbst, als daß 
die Mutter sie dazu zwingt und das Essen vielleicht in eine 
andere Körperöffnung, — etwa das Auge oder den After — 
zwängt. Ihre Scheu vor Menschen war durch die gleichen Mo- 
mente bedingt wie ihre Eßhemmung; nun zwang sie aber eine 
noch größere Angst diese Angst zu überwinden, „höflich" zu 
sein, alles so zu machen, wie die andern und alles zu essen. 
"Wirklich wertvoll war für sie nur, was sie im Geheimen erwarb, 
Essen, das sie außerhalb der Mahlzeiten stahl. Doch gestattete 
ihre übermäßige Angst ihr nicht, diese Regungen zu befriedigen. 
"Wußte jemand, was sie besaß, aß, studierte usw., so wurde es 
dadurch sofort entwertet; er konnte es ihr nehmen, oder sie in 
dessen Genuß behindern 3 ), — deshalb war es besser, sie gab es 
von selber auf. 

Diese Einstellung zum Essen war auch für ihr Verhältnis 
zum Geld und Wissen bestimmend. Als Reaktion auf ihren 
Wunsch, von den Eltern viel Geld zu bekommen (orale Gier) 
hatte sie außerordentlich starkes Schuldgefühl. Deshalb wollte 

9 Karl Abraham: „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido". I P V 1924 
a J Hier war der Zusammenhang mit der Onanie wichtig. 



ito Melitta Sohmideberg 

sie es vermeiden, von den Eltern etwas anzunehmen. Da mit 
dieser Einstellung aber auch der aggressive Wunsch, von den 
Eltern unabhängig, erwachsen zu sein (oraler Trotz) verknüpft 
war, mußte sie diesen wieder überkompensieren und die Rolle 
des auf die Eltern angewiesenen kleinen Kindes spielen. Das 
letztere war auch durch ihre übermächtige Angst vor dem Ver- 
armen (Verhungern) bedingt. 

Sie hatte einen sehr starken Drang zu studieren, war aber 
darin, sowie in ihrer ganzen intellektuellen Entwicklung so 
weitgehend gehemmt, daß sie zunächst einen vollkommen de- 
bilen Eindruck machte. In ihrem Wunsch alles zu wissen, durch 
Wissen allmächtig und von den Eltern unabhängig zu sein, be- 
wundert und gefürchtet zu werden, äußerten sich ihre Regun- 
gen, sich oral einen allmächtigen Penis einzuverleiben. Die ver- 
schiedenen Studienfächer stellten für sie männliche, weibliehe 
oder geschlechtslose Personen dar. Sie konnte nicht studieren, 
weil sie nicht ein Fach einem andern, eine Person der andern, 
eine Speise der andern vorziehen durfte. Sie mußte alle Fächer 
auf einmal studieren, sich alle Menschen auf einmal einver- 
leiben. Einem vernachlässigten Fach gegenüber empfand sie 
Schuldgefühl, einem begonnenen Fach (angebissenen aber nicht 
aufgegessenen Speise) gegenüber Angst. Konnte sie nicht alle 
Fächer auf einmal bewältigen, so gab sie alle auf. Hierin äußerte 
sich auch ihr Trotz: Alles oder Nichts. Dieser wurde durch 
Angst vor dem aufzunehmenden Wissen verstärkt. 

Ihre Einverleibungsängste, die das Essen gehemmt hatten, 
äußerten sich nun in den verschiedensten Befürchtungen, daß 
das Studium ihrer Gesundheit schade. Insbesondere könne sie 
nicht Soziologie studieren, denn die auf diesem Gebiete beste- 
henden verschiedenen Theorien würden in ihrem Geiste so wir- 
ken, wie Speisen, die sich nicht vertragen, in ihrem Magen. (Es 
ist gefährlich sich die sadistischen, einander bekämpfenden 
Eltern einzuverleiben.) Diese Einverleibungsängste wurden 
etwas gemildert, wenn sie mit andern zusammenarbeitete und 
sich überzeugte, daß diese das Wissen aufnehmen konnten, ähn- 
lich wie es ihre Angst gemildert hatte, wenn sie mit der Mutter 
zusammen aß. Anderseits hemmte sie aber die Angst und Riva- 
lität, die sie den Kameradinnen gegenüber empfand. Sie wollte 



Intellektuelle Hemmung und Eßstörung 110 

ja auch nicht das haben, was die andern besaßen, sondern etwas 
ganz Einziges, nie Dagewesenes. Wenn sie das in sich aufge- 
nommen (gegessen oder gelernt) hatte, war sie wie Gott. Um 
so zu werden, mußte sie allein sein, keine menschlichen Bezie- 
hungen und sexuellen Regungen haben. Sie mußte auch allein 
sein, um dem Neide der andern zu entgehen. Ihre Angst war, 
daß die Mutter ihr schlechtes, krankmachendes oder wertloses 
Essen, die Lehrerin ebensolches Wissen gäbe. Sie mußte des- 
halb das wertvolle Wissen sich im Geheimen zu eigen machen. 
Um aber bei den andern nicht die Vermutung zu wecken, daß 
sie im Geheimen nach etwas Besserem forsche, mußte sie sich 
auch das ihr vorgesetzte Essen und Wissen einverleiben. Da sie 
nicht wußte, wo das ,Gute' (Brust, Penis, befruchtender Samen) 
verborgen ist, müßte sie alles auf der Welt vorhandene ver- 
zehren und die Unmöglichkeit dessen lähmte sie ganz. Sie hatte 
den Verdacht, daß das als wertlos Hingestellte das wirklich 
Wertvolle sei, deshalb müsse sie auf alles Nebensächliche be- 
sonders achten, dürfe sich aber nicht den Anschein geben, 
als ob sie es täte. Sie hatte den Zwang, alte Bücher zu kaufen, 
teils in der Hoffnung, daß diese sich als besonders wertvoll er- 
weisen könnten, teils weil diese — mit denen sie sich selbst iden- 
tifizierte — sonst von niemand gewollt, verkommen würden. 
Ein ähnliches Schuldgefühl wie den alten Büchern, die sie nicht 
kaufte, sowie allem Weggeworfenen, das sie nicht sammelte, 
allem Essen gegenüber, das sie übrig ließ, den verlassenen Kin- 
dern gegenüber, empfand sie auch den Studienfächern gegen- 
über, die sie nicht lernte. Darum durfte sie nicht eines auf 
Kosten der andern bevorzugen. Dann aber kam die Angst, daß 
sie so viele Kinder nicht versorgen könnte und daß die hungern- 
den Kinder dann sie selbst aufessen würden. Ähnlich wollte sie 
viele Haustiere halten, fürchtete aber, daß sie diesen keine gute 
Mutter sein, daß sie ihnen nicht genug Essen, Zeit usw. geben 
könne oder ihnen gegenüber sadistisch sei. Nur wenn sie Mäuse 
und Kaninchen gehalten, diese studiert habe und sich diesen 
gegenüber bewährt habe, könnte sie studieren. Dann fürchtete 
sie aber, daß sie, wenn sie dies gut mache (eine gute Mutter, das 
heißt weiblich sei), es nicht werde aufgeben, nicht werde stu- 
dieren (ein Mann sein) dürfen. Ihr Ideal war das der Doppel- 
geschlechtlichkeit: Darum mußte sie alles auf einmal haben, 



114 Melitta Schmideberg 



alles wissen, sich alles auf einmal einverleiben (Vater und 
Mutter gleichzeitig), zugleich Mann und Weib sein, um Gott 
gleich zu werden. Entweder durch Geschlechtslosigkeit oder 
durch Doppelgeschlechtlichkeit werde man Gott gleich. 

Ich habe hier nur einige der Momente anführen können, die 
die schwere intellektuelle Hemmung der Patientin verursach- 
ten. Sie fallen dadurch auf, daß sie einander geradlinig ent- 
gegengesetzt sind und daß deshalb kein Kompromiß zwischen 
ihnen möglich ist. In diesem, sowie in andern Fällen fand ich 
als wichtigste hemmende Faktoren des oralen-intellektuellen 
Aufnehmens: Die Angst vor dem Neide der andern, die der In- 
tensität des eigenen Neides auf den Besitz der andern ent- 
spricht; Angst vor dem eigenen Sadismus (daß man durch 
eigene Unfähigkeit, das heißt Sadismus das Essen vernichte 
das "Wissen beschädige oder jemandem andern wegnehme), fer- 
ner zahlreiche Einverleibungsängste. Wichtig ist ferner das von 
verschiedenen Autoren betonte Moment des oralen Trotzes; daß 
man das Wissen nicht aufnehmen wolle, weil man es als Kind 
nicht dann oder in der Weise oder so vollständig erhalten habe 
wie man es wünschte. 

Die oralen Faktoren wirken nicht nur hemmend, sondern 
fördern in vielen Fällen die intellektuelle Entwicklung. Die 
Gier nach Essen wird oft durch Wißbegierde, Neugierde, Geld- 
gier usw. abgelöst, wobei das Wissen als dinglich empfunden 
und dem Penis, dem Leibesinhalt usw. gleichgesetzt wird. Ein 
intellektuell nicht gehemmter Patient schätzte nur Wissen, das 
andern nicht zugänglich war, das er im Geheimen erwarb, 
,stahl'. Seine Hauptangst war, daß eine Frau sein Gehirn auf- 
fresse oder daß seine wissenschaftlichen Arbeiten sich als 
Plagiat (als gestohlen) erweisen. Das Wissen — die Gedanken 
— setzte er dem Inhalt des Kopfes und diesen dem des Leibes 
gleich. Zufolge seiner primitiven oralen Einverleibungswünsche 
der Mutter gegenüber fürchtete er als Vergeltung, daß die Frau 
den Inhalt seines Kopfes auffresse, oder daß sein Kind (seine 
wissenschaftliche Arbeit) sich als der Mutter gestohlen er- 
weisen würde. 

Es scheint, daß die wissenschaftliche Arbeit weitgehend auf 
der oralen Sexualtheorie beruht, daß man ein Kind (die wissen- 



Intellektuelle Hemmung und Eßstürung i -i c 



sehaftliche Arbeit) nur gebären kann, wenn man sich vorher 
oral gestohlene Körperteile der Eltern (Gedanken anderer 
Autoren) einverleibt hat. Darum scheint das Plagiat psycho- 
logisch ein zentrales Problem der wissenschaftlichen Arbeit 
darzustellen. Normalerweise entgeht man der Vergeltungs- 
angst, indem man das Plagiat durch Zitieren (Zurückgeben an 
den Autor) legalisiert. Diese orale Sexualtheorie äußert sich 
auch im Arbeitsrituell mancher Menschen, die z. B. nur gut 
arbeiten können, wenn sie vorher ein blutiges Beefsteak ver- 
zehrt haben oder während des Arbeitens Süßigkeiten essen oder 
rauchen. 

Ein Patient, der in der Pubertät gelegentlich gestohlen hatte 
(vorwiegend Süßigkeiten und Bücher), hatte später eine ge- 
wisse Neigung zum Plagiieren. Da für ihn Aktivität mit Stehlen, 
wissenschaftliche Arbeit mit Plagiieren verknüpft war, konnte 
er diesen verpönten Regungen nur durch eine recht weitgehende 
Hemmung seiner Aktivität und intellektuellen Betätigung ent- 
gehen. 

Die intellektuelle Störung kann sich sowohl auf die Störung 
des Erfassens als auch auf die der Produktion erstrecken. Für 
die Produktion ist in erster Reihe die exkretorische und Gebär- 
symbolik maßgebend. Die daraus sich ergebenden Störungen 
sind zahlreich: Manche Menschen können nur dann eine Arbeit 
schreiben, wenn sie die nächste schon im Kopfe fertig haben, 
aus Angst unfruchtbar, leer (des Körperinhaltes beraubt) zu 
bleiben. Ein Patient hatte seiner fertiggestellten Arbeit gegen- 
über Schuldgefühl, wenn er sie an den Redakteur geschickt 
hatte; er hatte sein Kind verlassen, zu Fremden geschickt. So- 
lange sie bei ihm in der Schublade lag, war sie sicher, wie das 
Kind im Bett. Oft besteht auch Angst vor der Arbeit selbst: Die 
verschiedenen Gedanken (Kinder, Exkremente) sind wie ein 
Heer, das mühsam beherrscht werden muß, damit sie sich nicht 
gegenseitig bekämpfen (einander widersprechen) oder gegen 
ihren Herrn rebellieren. Ein Patient mit Insektenphobie ver- 
glich seine Arbeit mit einem Tausendfüßler. Die .Fußnoten' stell- 
ten die vielen Füße dar. Sehr häufig ist auch, daß hypochon- 
drische Befürchtungen und Grübeleien vom Körper auf die Ge- 
danken und von diesen auf die Arbeit übertragen werden. Ich 



116 Melitta Schmideberg 



will aber jetzt auf diese Faktoren nicht näher eingehen, sondern 
die Rolle der oralen Faktoren in der Produktionshemmung her- 
vorheben. 

Ein Patient hatte mit großer Mühe einige Vorträge gehalten 
und berichtete mir nach einem weiteren recht zufrieden, daß 
dieser wieder — wie zu erwarten — schlecht ausgefallen sei. 
Der schlechte Vortrag erwies sich, ebenso wie das langweilige 
Assoziieren, als Rache für alle schlechten Vorträge, die er an- 
hören mußte, für alles Wissen, das ihn enttäuscht hatte, letzten 
Endes für die unbefriedigende Nahrung. Ein andermal sagte er 
einen Vortrag im letzten Moment ab. Durch das Vortragen hatte 
er Macht über das Auditorium. Hiebei identifizierte er sich mit 
der stillenden Mutter, die in der Lage ist gute oder böse Nah- 
rung (Wissen) zu geben oder sie ganz zu versagen. 

Die gleichen Momente, die ich hier an dem Beispiel von jour- 
nalistischen und wissenschaftliehen Arbeiten und Vorträgen 
illustrierte, lassen sich auch beim Briefschreiben, Schulaufgaben 
schreiben, Antworten in der Schule, Gedichte aufsagen usw. 
usw., ja im einfachen Sprechen bei Erwachsenen und Kindern 
nachweisen. Wiederum wirken sich diese Momente nur in man- 
chen Fällen hemmend aus, oft bilden sie einen wichtigen An- 
trieb zur intellektuellen Entwicklung. 

Im allgemeinen darf man sagen, daß die oralen Faktoren die 
intellektuelle Entwicklung dann günstig beeinflussen werden, 
wenn die in der Wißbegierde sublimierte orale Gier zwar intensiv 
ist, aber nicht zufolge ihres Sadismus starke Angst oder Schuld- 
gefühl hervorruft (respektive wenn Angst und Schuldgefühl 
anderweitig gebunden werden ohne die intellektuelle Entwick- 
lung zu hemmen). Für die intellektuelle Produktion ist die Iden- 
tifizierung mit der guten, Nahrung und Wissen gewährenden 
Mutter am vorteilhaftesten. Diese Einstellung kann nur dann 
ohne Störungen aufrecht erhalten werden, wenn die Angst nicht 
zu stark ist. 



■■ ■ ■ ■ . 

- 



BERICHTE 



Die folgende Arbeit von Lindner über das JVonnesaugen 
ist ein Neudruck einer im Jahre 1^79 erschienenen Arbeit, 
die Prof. Dr. Sigm. Freud in den „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" (190 f) wie folgt erwähnt: „Die 
Äußerungen der infantilen Sexualität. Aus 
später su ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen 
Sexualäußerungen das Ludein (Wonnesaugen) zum Muster 
nehmen, dem der ungarische Kinderarzt Lindner eine 
ausgezeichnete Studie gewidmet hat (Jahrbuch für Kinder- 
heilkunde 1879)." 

Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 
bei den Kindern (Ludein) 

Eine Studie 

Von Dr. S. Li n einer, Budapest 

Maxiina debetur puero reverentia, si quid 
Turpe paras;*nec tu pueri contempseris annos. 

Juvenal 

Meine Herren! Das Saugen an den Fingern, Lippen usw. bei den 
Kindern ist eine Eigentümlichkeit, welche, obzwar längst bekannt, 
dennoch bisher die Aufmerksamkeit der Ärzte höchstens insofern auf 
sich lenkte, als manche diese so sehr verbreitete Erscheinung unter 
den üblen Angewöhnungen der Kinder erwähnen. Einer eingehenden 
^wissenschaftlichen Würdigung wurde das Wonnesaugen — wenn man 
es so benennen darf — meines Wissens noch nicht unterzogen*). Umso- 
znehr scheint es wohl gerechtfertigt, hierüber einige Beobachtungen 
und die aus denselben abgeleiteten Folgerungen mitzuteilen. 

In Ermangelung einer jeden wissenschaftlichen Vorarbeit, welche 
als Grundlage hätte benützt werden können, mußte ein eigenes System 
aufgestellt werden, das sich allerdings ungezwungen aus der Natur 
der Sache ergab. 

Ludein 3 ), bezeichnender: Wonnesaugen (suetus voluptabilis) im 
engern Sinne des Wortes heißt: entweder bei leerem Munde, oder an 
in den Mund gebrachten Körpern gemächlich saugen. Diese Körper 
sind bald mit dem Individuum organisch zusammenhängende Teile, 

1) Vorgetragen in der am 29. März 1879 stattgehabten ordentlichen Sitzung der königlichen 
Gesellschaft der Ärzte in Budapest. 

*) Chandler's Aufsatz: „Das Saugen am Daumen, Schnullern usw. und unregelmäßige Zahn- 
bildung" (Boston Journal 15. August, Med. Times and Gaz. Nr. 1478, Ärztl. Int.-Bl. Nr. 48, 1878) 
befaßte sich nur mit den Difformitäten der Zähne, ohne auf das Saugen am Daumen usw. merito- 
risch einzugehen. Übrigens werde ich am geeigneten Platze auf dieses Thema noch zurückkommen. 

8 ) Synonyma: nutschen, lutschen. Leider liegt noch nicht der Buchstabe ,,L" des deutschen 
Wörterbuches der Gebrüder Grimm in den hiesigen Bibliotheken auf. 



Hg Dr. S. Lindner 



Fig. 1 Fig. 2- 





7% jährige Lippenludlerin, 4jährige Zungenludlerin, 

Tochter eines akad. Malers Fleckenputzerstochter 

bald fremde genieß- oder ungenießbare Gegenstände. Ist das Objekt 
genießbar, so beabsichtigt doch nie der daran Saugende, es früher 
oder später der Verdauung zu übergeben 4 ). 

In diesem Sinne sagt man sprichwörtlich: es ludein und dudeln, 
wenn jemand ohne Worte singt, trällert; ebenso heißt auch die 
Tabakspfeife spottweise: der Ludel. 

Demzufolge teile ich die Ludler ein: A in einfache Ludler und 
B in Ludler mit Kombination. 

Die einfachen Ludler zerfallen wieder in 1. Lippen-, 2. Zungen-, 
3. Finger- resp. Daumen-, 4. Handrücken-, 5. Armludler und 6. in 
Ludler an fremden Körpern. 

Die Ludler in den aufgezählten sechs Arten pflegen sich zu kom- 
binieren: a) mit einer aktiven und b) mit einer passiven Assistenz. 

Sowohl die einfachen, als die sich kombinierenden Ludler können 
weiters o) Gelegenheitsludler, ß) Ludler mit Wechsel im Ludel und 
y) exaltierte Ludler sein. 

Überdies werden wir bei den Ludlern mit aktiver Assistenz noch 
den Wechsel in der Aushilfshand und im Vergnügungspunkte und 
bei den Ludlern mit passiver Assistenz die Ludler mit Maske an- 
treffen. 

A. Einfache Ludler 

Bei leerem Munde ludelt man entweder mit geschlossenen Lippen, 
Avobei die Zungenspitze hier die Unter-, dort die Oberlippe berührt, 
oder man sieht die Zungenspitze deutlich zwischen den Lippen. Die 
erste Gattung wollen wir kurzweg Lippen-, die zweite Zungenludler 
nennen (Fig. 1 und 2). 

«) Hierdurch unterscheidet sich unser Ludein vom Ludein im weiteren Sinne des Wortes, d. i. 
von dem Aussaugen ernährender Flüssigkeiten aus natürlichen und künstlichen Behältern und von 
dem Kutschen an Süssigkeiten, welche, kaum aufgelöst, auch schon dem Magen zugeführt werden. 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 11Q 

Fig. 3 







8jährige Daumenludlerin, 
Goldarbeiterstochtor 

Solche, die an ihren eigenen Körperteilen zu saugen pflegen, wäh- 
len hiezu sehr häufig — wie der alte Gott Horus — einen Daumen, 
und zwar öfters den rechten, seltener zwei oder drei Finger von einer 
und derselben Hand, und zwar einen Zeige- und Mittelfinger, dann 
und wann einen Zeige- und Goldfinger, oder die drei mittleren Fin- 
ger, am allerseltensten jedoch eine große Zehe. Die letzten in diesem 
Bunde sind die wenigen, welche einen Handrücken oder Arm benut- 
schen. So erhalten wir Finger-, beziehentlich Daumen-, Handrücken- 
und Armludler (Fig. 3 bis 5) 8 ) 

Manchmal sieht die Volarseite des Zeige- und Ringfingers nach 
vorn, was wenigstens altern Kindern sehr unbequem sein muß: Die 
zu beludelnden Finger nähern sich einander in gestrecktem Zustande, 
wodurch der Mittelfinger mehr weniger gebeugt wird. Nun kann man 
aber — aus einer bekannten anatomischen Ursache — bei ausgestreck- 
ten Fingern, weder den mittlem, noch den kleinen Finger beugen, 
ohne daß der Ringfinger mitgeht 6 ). Über kurz oder lang entstehen 
stechende Schmerzen zwischen dem Mittel- und Goldfinger, und zwi- 
schen diesem und dem Ohrfinger. Ich habe einen fünfjährigen 
Hausiererssohn zum Paradigma dieser Ludelart gewählt (Fig. 6). 

Die Maler stecken ihren Kindern auf den Gemälden mit Vorliebe 
nur einen Finger, und zwar den rechten Zeigefinger in den Mund 7 ). 

Ludler an fremden Körpern sind gewöhnlich Brotludler (Fig. 21), 

B ) Lippenludler sind nicht zu verwechseln mit solchen, die sich in die Lippen zu beiße» 
pflegen, Zungenludler wieder nicht mit denen, welche bei habitueller Chorea die Zunge fort 
während vorstrecken: Unvergeßlich bleibt mir eine Frau in Teschen, wo ich das Gymnasium 
absolvierte, welche bei seitlicher Neigung des Kopfes ewig die Zunge hervorschnellte. Nagel- und 
Nagelfalzbeißer identifiziere man nicht mit Fingerludlern: Hier, in der Hauptstadt existiert ein 
Advokat, dem man aus seinen zehn Fingernägeln kaum sieben ganze zusammenstellen könnte 

6 ) Hyrtl, topogr. Anatomie. S. Aufl. II, Wien 1857, Seite 339. 

7 ) Siehe z. B. „Die ereilten Flüchtlinge" von Ed. Kurzbauer. 



120 



Dr. S. Lindner 



Fig. 8 



Fig. 4 







Gelegenheitsludler 



11jährige Handrückenludlerin, 
Tochter eines Chirurgen 



oder sie lutschen an dem Mundstücke des ihrer Saugflasche ange- 
hörigen Kautschukschlauches (Fig. 7) oder endlich an einem Hemd- 
zipfel (Fig. 8). 

Hierher gehört der sechsjährige Sohn eines Uhrmachers, welcher 
immer vor dem Schlafengehen ein reines Hemd verlangt und an einem 
Zipfel so lange nutscht, bis er einschläft. Ich zähle ihn zu den Ge- 



Fig. 7 





Fineerladler. mit der Flachhand nach vorn 



20 M alter Ludler an einem 

fremden Körper, Tischler- 

ateisterssohn 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 



121 



./ 



Fig. 5 







10jährige Armludlerin, Kaufmannstochtor 

legenheitsludlern, d. h. zu solchen, welche nur dann lutschen, wenn 
sie gerade ihres speziellen Ludeis habhaft werden, ohne zu einer 
andern Zeit nach ihm Verlangen zu tragen. (Siehe übrigens auch 
Fig. 14.) 

Noch ist zu bemerken, daß eine jede Ludelspezies in eine andere 
übergehen kann. So z. B. kann aus einem Lippenludler ein Zungen- 
ludler werden, und umgekehrt. Ferner werden die meisten Lippen- 
ludler dadurch, daß sie sehr gern sich zufällig ihnen darbietende 



Fig. 9 




Daumenludlerin mit Wechsel im Ludel 



'I 



- 



122 Dr. S. Lindner 



Fig. 10 Fig. u 








6jähriger Lippenludler mit akt. 2 3 /4Jähr. Daumenludlerin mit zwei- 

Ässistenz, Sohn eines händiger akt. Assistenz, Tochter 

Schneiders eines Arztes 

Brotreste zwischen die Lippen nehmen, zu Gelegenheitsludlern an 
fremden Körpern. Auch am Handrücken und Arm pflegen die Lippen- 
ludler zu lutschen. Eine achtjährige Daumenludlerin, Tochter eines 
hiesigen Kaufmanns, hält sich in der Regel an den linken Daumen, 
ohne aber den rechten oder die linke Zehe zu verschmähen. Derartige 
Individuen, welche ihre Ludelweise ohne Zwang von außen zu ändern 
gewöhnt sind, heiße ich Ludler mit Wechsel im Ludel (Fig. 9). 

B. Ludler mit Kombination 

Alle einfachen Ludler können sich die Ludellust durch eine aktive 
Assistenz potenzieren: Einzelne Finger einer oder beider Hände frot- 
tieren irgend einen beliebigen Wonne- oder Vergnügungspunkt (punc- 
tum voluptabile) am Kopfe, Halse, an der Brust, am Bauche und 
Becken. Am Kopfe sind die Vergnügungspunkte: die behaarte Kopf- 
haut 8 ), ein oder beide Nasenflügel, ein Nasenloch, ein oder beide 
Ohrläppchen und eine oder gleichzeitig beide Lippen (Fig. 10 — 12); 
am Halse: der Kehlkopf (Fig. 13); an der Brust: die Drüsenwarze; 
am Bauche: der Nabel und am Becken: die Genitalien. (Die Abbil- 
dungen hiezu wollen im Bd. XIV. ex 1879 des Jahrbuches für Kinder- 
heilkunde nachgesehen werden. D. Red.) 

Die Lippen frottieren die Kinder gewöhnlich mit einem fremden 
Körper. Ist der selbe zart und leicht, z. B. ei naus dem Überzug der 
Duchet gebildeter Zipfel (Fig. 14), dann bewegt er sich deutlich; ist 
dagegen der Gegenstand rauh und schwer, z. B. ein Rockärmel aus Tuch 
(Fig. 15), dann kaum merklich. Natürlich: leise Berührungen kitzeln 

8 ) Auch Nichtludlern bekommt die Friktion der behaarten Kopfhaut gelegentlich wohl. Ich 
kenne liier zwei Herren mit ganz normaler Kopfhaut, die sich dieselbe, ohne daß es sie juckt und 
unabhängig von der Zeit, zu ihrem Vergnügen kratzen lassen. 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 



123 




Fig. 18 




16jährige Lippenludlerin mit alct. Assistenz, 
Tochter eines Kaufmanns 



7jährige Lippenludlerin mit aktiv. 
Assistenz, Tochter eines Kaufmanns 



mehr als rohe das edle Tastorgan der Lippen, welche durch zahl- 
reiche Nerven und Gefäße sowie durch eine dünne Epidermis ausge- 
zeichnet sind. 

Manchmal liegt der Wonnepunkt in der aktiven Aushilfshand selbst: 
Es reibt nämlich ein Mittelfinger den Rücken des benachbarten Zeige- 
fingers, oder die Friktion findet zwischen den Tastpolstern des Mit- 
telfingers und des gleichseitigen Daumens statt 9 ), oder aber die "Ver- 
gnügungspunkte liegen in sämtlichen Fingerspitzen und letztere reiben 
sich an einem Kissen (Fig. 16 und 17). 

Die Ludler mit Kombination haben, wenn sie in den Arm genom- 
men werden oder bei jemandem liegen, die eigentümliche Gewohn- 
heit, ihren Spezialvergnügungspunkt — soweit das tunlich ist — auf 
den Träger oder Schlaf genossen zu übertragen. Sie betasten beispiels- 
weise ein fremdes Ohr oder eine fremde Brust 10 ). Eine Unternehmungs- 
reise in die untere Gegend wird wohl kaum die aktive Aushilfshand 
versuchen. Denn kleine Kinder langen nicht so tief hin, größere aber 
werden sich doch hüten vor einem Manöver, das für sie nur jene Art 

») Derartige Ludler sind nicht identisch mit Personen, welche Brotkügelchen zwischen den 
Fingern zu formen pflegen. 

io) Ich meine nicht darunter jene Kinder, welche, sobald sie auf den Arm Behoben wprrton 
nach der Brust der Mutter oder Amme greifen. fe «eruen. 



124 



Dr. S. Lindner 



Fig. 14 







' • 



5jiibriger Lippenludler, aktive Assistenz mittels eines fremden Körpers, 
Sohn eines Kaufmanns 

aktiver Assistenz, welche den Zorn zu begleiten pflegt, als Reflex 
auslösen würde"). 

Ebenso gut wie es einen Wechsel im Ludel gibt, existiert auch ein 
Wechsel in der aktiven Aushilfshand und im Vergnügungspunkte. 
Es alterniert nicht allein die Hand bei einhändiger Aushilfe und der 
Vergnügungspunkt dort, wo er paarig ist, sondern die Berufshand 
wählt sich auch oft genug ein ganz neues Punctum voluptabile, und 
zwar sehr häufig an den Genitalien. 

Der aktiven Assistenz entgegen steht die passive. Die passive 
Aushilfshand hat zur Aufgabe, bald den Ludel zu halten (Fig. 7 und 
Fig. 8), bald ihn zu stützen (Fig. 4 und 9) und bald ihn zu bemänteln. 

Kleine Kinder decken nämlich aus Furcht und Erwachsene aus 
Schamgefühl zeitweise den Ludel mit der Hand. Das sind die Ludler 
mit Maske (Fig. 18). Leider wird mit der Zeit jede Maske zur Ge- 
wohnheit und infolgedessen eine Art aktiver Aushilfe. Eine intel- 
ligente elfjährige Fabrikantentochter, die ich seit ihrem fünften 
Lebensjahre beobachtete, ludelte ursprünglich bei geschlossenen Lip- 
pen. Später maskierte sie den Mund, so oft sie befürchtete in flagranti 
ertappt zu werden, mit der rechten Hand. Heute könnte sie überhaupt 
nicht mehr oder doch nur sehr schwer ohne Maske ludein, denn sie 

ii) loh habe keine andere Absicht, als ein Faktum zu konstatieren, wenn ich an dieser Stelle 
einschalte, daß die Vergnügungspunkte der frommen Kinder so ziemlich gleich sind mit den Wol- 
lustpunkten (puncta libidinosa) im erotischen Leben. Nur ist der Unterschied der, daß im Sexual- 
leben die aktive Assistenz in der Regel auf ein anderes heterogenes Individuum und nur ausnahms- 
weise bei Verirrungen auf sich selbst (Onanie) oder auf eine andere homogene Person (Knaben- und 
lesbische Liebe) einwirkt. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal ist das, daß das Tändeln mit den 
Wollustpunkten eher die Bedeutung eines Vorläufers, als eines begleitenden Trabanten hat. 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 19* 

Fig. 15 Fig. 16 





6jähr. Lippenludler, akt. Assistenz 8jähriger Lippenludler m. d. Vergnügungsp. 

mittels eines fremden Körpers, in der aktiven Aushilf shand, 

Sohn eines Glasers Goldarbeiterssohn 

ist eine Zungenludlerin mit aus der Maske entstandener aktiver Assi- 
stenz geworden. 

Die passive Aushilfshand ist gemeinhin ruhig und nur als Träge- 
rin eines fremden Körpers, der aktiv zu assistieren hat, mehr oder 
weniger bewegt (.big. 14 und 22). 

Mit den exaltierten Ludlern wollen wir im Namengeben aufhören. 
Ludler, welche dadurch, daß sie sich selbst Schmerzen bereiten oder 
durch Prozeduren, die andern Kindern entweder unangenehm oder 
geschmacklos erscheinen würden, den Wert und die Kraft der Ludel- 
lust erhöhen"). Als Repräsentantin führe ich folgende vier Fälle an: 

1. Ein sechsjähriger rechtsseitiger Daumenludler, Sohn eines Tra- 
fikanten, wühlt mit dem gleichseitigen Ohrfinger im gleichnamigen 
Nasenloch so lange herum, bis das Blut über die Lippen fließt 
(Fig. 19). 

2. Eine vierzehnjährige Zungenludlerin, Tochter eines Grund- 
besitzers, findet darin einen Hochgenuß, wenn sie sieh während des 
Ludelaktes ein Haar aus dem Kopfe reißt, um damit zu spielen 
(Fig. 20). 

3. Ein siebenjähriger Kellnerssohn läßt sieh regelmäßig vor dem 
Schlafengehen ein Stück Brot unter das Kopfpolster legen, nimmt von 
ersterem ein kleines Stückchen, klebt es — wie alle Brotludler — 
an den Gaumen und beginnt zu schnalzen. Ist das Brot schon gehörig 

12) Auch im erotischen Leben ist die Exaltation zu Hause. Neulich hatte ich ein mißfärbis«* 
GeschwUr an der Unterlippe eines Bräutigams zu behandeln, das von einem Bisse seitens Jw 
Braut gelegentlich eines Kusses herrührte. ■?■"»•« uer 

Zeitschrift f. psa. Päd., V1II/3/4 



126 



Dr. S. Lindner 



Fig. 17 



Fig. 18 





4jähr. Daumenludler mit. d. Vergnügungsp. in 
der akt. Aushilfshand, Sohn eines Kaffeesieders 



Ludlerin mit Maske 



präpariert, dann nimmt er es aus dem Munde heraus und steckt es in 
ein Nasenloch, um von neuem an frischem Brote zu ludein. So geht 
das fort, bis die Nase und beide Ohren mit eingespeicheltem Brote 
vollgepfropft sind. Erst jetzt kann er ruhig schlafen (Fig. 21). 

4. Ein elfjähriger Lippenludler, Sohn eines Kassiers, hatte einige 
Jahre zuvor eine Augenentzündung mit durch längere Zeit anhalten- 
der Lichtscheu. Derentwegen bediente er sich eines Kopfpölsterchens 
als Augenschirm. Nach geheilter Augenentzündung ließ er nicht mehr 
von dem komischen Schirme ab und benutzte ihn zur aktiven Aus- 
hilfe. Ich habe ihn nur deshalb den exaltierten Ludlern eingereiht, 
weil es ihm besonderes Vergnügen machte, wenn das Polster nicht 
überzogen war (Fig. 22). 

Zum näheren Verständnis des kommenden Abschnittes müssen wir 
einige statistische Daten vorausschicken: Verzeichnet wurden in 
117 Familien 500 Kinder. Unter diesen ludelten 69 Kinder = 13,8%. 
Nach Familien betrachtet, fand ich dieses Spiel in 54, also in nahe- 
zu der Hälfte der Familien vor. Von diesen 69 Ludlern sind 33 Knaben 
und 36 Mädchen (beziehungsweise Männer und Frauen). 

Mit Bezug auf die Ludelart konnte man notieren: 

26 Daumenludler, und zwar 19 einfache und 7 mit Kombination. 
Unter beiden 1 Gelegenheits-, 1 exaltierten, 1 Ludler mit Wechsel im 
Ludel und 1 mit Wechsel im Vergnügungspunkte. 
, 20 Lippenludler, und zwar 9 einfache und 11 mit Kombination. 
Unter beiden 1 Gelegenheits-, 1 exaltierten, mehrere mit Wechsel im 



. . : 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. j 27 



Fig. 19 Fig . 21 





Exaltierter Daumenludler Exaltierter Brotludlor 

Ludel, 1 mit Wechsel in der aktiven Aushilfshand und 2 Ludler mit 
Wechsel im Vergnügungspunkte. 

10 Zungenludler, und zwar 4 einfache und 6 mit Kombination. Unter 
beiden 1 exaltierten und 1 Ludler mit Maske. 

6 Fingerludler, und zwar 5 einfache und 1 mit Kombination. 

4 Ludler an einem fremden Körper. Darunter 1 Gelegenheits- und 
1 exaltierten Ludler. Zum Schlüsse 

2 Handrücken- und 

1 Armludler") 

Der älteste Daumenludler war 13, Lippenludler 30, Zungenludler 40, 

Fingerludler 12, Ludler an fremden Kröpern 7, Handrückenludler 
12 und die Armludlerin 10 Jahre alt. In einer Familie begegnete ich 
vier Ludlerinnen in fast allen Hauptarten. 

Nähere Details ersieht man aus der beigegebenen Tabelle. 

Ein gebildeter Frauenschneider, der die größeren Städte Öster- 
reich-Ungarns bereiste, um die Mädchen in der Zuschneidekunst zu • 
unterrichten, erzählte mir, daß er nirgends so viel Ludler gefunden 
na be als in Kärnten und Krain. Dort ludelten fast alle seine Schule- 
rinnen wie nach Noten. Die Frauen dieser Länder, meist Geschäfts- 
frauen, halten sich eigens „Lockerinnen" (Kindfrauen), damit sie 
tagsüber den Kindern Lutschbeutel 1 «) bereiten. So sehr es auch für 
den ersten Augenblick einladend wäre, den Lutscher als die causa 
proxima des Ludeins anzusehen, so kann ich, da ich unter meinen 
69 Ludlern diesen Ludel nur dreimal regieren sah, dies doch nicht '' 
ganz zugeben. Gegenteilig fand ich ihn in jenen 63 Familien, welche 



. : ") Als Ludler mit Wechsel im Ludel kommen die zwei letzten Art»n hsuf ;..«.. ™. - 
1«) Synonyma: Lutscher, Luller, Schnuller, Zulp * haUflger VOr - 



10* 



128 



■ 



Dr. S. Lindner 



Fig. 20 






• 



Fig. 22 





■ 
Exaltierte Zungenludlerin Exaltierter Lippenludler 

absolut keinen Ludler aufzuweisen hatten, sogar neunmal. Ferner 
läge es nahe daran zu denken, daß im strengsten Sinne des Wortes 
aufgefütterte Kindern ludein werden. Ich habe deren vier begegnet; 
hievon ludelten nur zwei. Ebensowenig ist die Saugflasche (welche 
ich in demselben Maße wie den Lutschbeutel als „Ludel" bezeichnet 
fand) so sehr daran schuld: In den Familien ohne Ludler habe ich 
sie neunmal, dagegen unter den Ludlern nur viermal angetroffen. Bei 
Fingerludlern im allgemeinen beschuldigen die Mütter die Ammen, 
daß sie den Kindern, um sich zu schonen, die Fingerchen in den Mund 
steckten und sie so das Ludein gelehrt haben. Auch das steht nicht so 
fest: Denn 49 Ludler wurden von der Mutter und nur 18 von Ammen 
gestillt. Zwei ludelnde Kinder wurden — wie früher erwähnt — ohne 
Brust aufgezogen. Falsch ist weiter die Annahme, daß nur arme und 
nicht intelligente Kinder ludein, wie ich Ludler in den besten Krei- 
sen sah. Nicht minder muß ich laut meiner Erfahrung die erstgebore- 
nen und einzigen Kinder gegen die Verleumdung, daß sie aus Ver- 
hätschelung stets ludein, in Schutz nehmen. Schließlich richtete man 
auf die Stillungsdauer sein Augenmerk. Bald hieß es zu kurzes, bald 
zu langes Stillen befördere das Ludein. Unter den Ludlern begegnete 
ich im ganzen fünf Kindern, welche weniger als vier Monate und 
sechs, welche ein Jahr gesäugt wurden. Die Mehrzahl erhielt die Brust 









Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. ioq 

acht, überwiegend neun bis elf Monate. Auf der ludelfreien Seite 
waren zwei Kinder mit drei-, drei mit fünfzehnmonatlicher und ein 
Kind sogar mit über zweijähriger Stillungsdauer. 

Nachdem aber die angeführten Ursachen nicht unser besonderes 
Vertrauen für sich in Anspruch nehmen können, so müssen wir an- 
nehmen, daß jedem Kinde eine Disposition zu ludein innewohne, 
welche unter gegebenen Umständen zum Wonnesaugen führen kann. 
Und in der Tat führen auch Säuglinge, weil in den ersten Monaten der 
Kindheit die Hand an Feinheit des Gefühles von den Lippen über- 
troffen wird, alles, was man ihnen in die Hände gibt, zu den Lippen, 
um es zu prüfen (Hyrtl) 15 ). Dieses Prüfen der in die Hände gereichten 
Gegenstände kann nun ganz gut mit der Zeit Anlaß geben für das 
Ludein an fremden Körpern und weiter, bei Mangel an solchen, für 
das Finger-, Handrücken- und Armludeln. Sind auch diese nicht da, 
so ludelt man ganz einfach ohne sie; ohnehin kommt das Gewöhntsein 
an Saugbewegungen diesem Umstände zugute. Wirklich stimmt auch 
diese Theorie mit der Erfahrung, daß schon Säuglinge ludein. 

Weilen wir einige Augenblicke bei einem Kinde während es ludelt! 

Ausgenommen die schnalzenden Brotludler, welche das Brot an 
den harten Gaumen picken 18 ), saugen die übrigen Gattungen so ge- 
mächlich still, daß man sie ludein eher sehen als hören kann. Da- 
gegen werden sie zeitweilig im Schlafe und immer im Wonnestadium 
für den Zuhörer dadurch, daß sie mit den Lippen und mit der Zunge 
schnalzen, beinahe unausstehlich. Im genannten Stadium wird auch 
durch die' jetzt lebhafteren Saugbewegungen der eventuell im Munde 
sich befindliche Ludel stärker erschüttert und gelangt ruckweise 
immer tiefer in den Mund; so z. B. der Daumen seiner ganzen Länge 
nach. Weiter wird die Friktion des Wonnepunktes, falls ein solcher 
vorhanden ist, reger. Ja, nicht selten sieht man die Ludler im Wonne- 
stadium förmlich in Verzückung geraten, indem sie den Kopf von 
oben nach unten schütteln, die Wirbelsäule, wie bei einem Emprostho- 
tonus, nach vorn krümmen und mit den Füßen auftrampeln oder wenn 
sie liegen, zappeln. Das ist dasjenige Stadium, in welchem sich die 
Exaltierten zerbluten, zerzausen oder das Geruch- und Gehörorgan 
verstopfen. Fragt man die Ludler im Hochgenüsse um etwas, so ant- 
worten sie nicht, höchstens daß sie durch eine senk- oder wagrechte 
Kopfbewegung ein Ja oder Nein andeuten. Will man sie gar stören, 
dann laufen sie zornig, ohne nur einen Moment vom ludein zu lassen, 
auf und davon, um sich einen sicheren Platz aufzusuchen. Manchmal 



15) Lib. cit. pag. 320. 

18) Lippenludler behalten die Brosamen zwischen den Lippen. 






130 Dr. S. Lindner 



: - gehen sie sogar im Ludein auf: sie beachten keine Drohung und 
sind für schöne Worte taub. 17 ) 

Liegen die Kinder im Bette, so schlafen sie nach abgelaufenem 

Wonnestadium eventuell mit dem Ludel im Munde ein, die Aushilfs- 

p 'hand aber fällt dort, wo die eigene Schwere es ihr diktiert, wenn der 

Arm nicht über den Kopf gebogen ist, herab, um im Halbschlummer 

wieder auf ihren Posten zurückzukehren. 

Alle Ludler, wenn sie nicht Gelegenheitsludler sind, ludein überall 

und zu jeder Zeit. Gleichwohl ergeben sie sich diesem Genüsse am 

liebsten kurz vor dem Einschlafen, bald nach dem Erwachen und nach 

, genommenem Bade. Nur schwere akute und' unter Umständen auch 

chronische Krankheiten 18 ) können das Ludein unterbrechen. Dafür ist 

, dann das Wiedererwachen der Ludellust nicht selten ein Prognostikon 

baldiger Genesung. Niemals habe ich mein Töchterchen so gern am 

; Daumen saugen gesehen, als nach einer Diphtheritis, welche Kollegen 

und mich veranlaßte, dem Kinde das Leben abzusprechen. 

Da wonnesaugende Kinder, wenn man sie sich selbst überläßt, sich 
stets ruhig verhalten und sich sogar ohne Hutschen, Wiegen, Gesang 
usw. von selbst einlullen (Ludel und Luller sind ja identische Be- 
griffe), so tauften sie aus Dankbarkeit die Mütter und Ammen mit 
dem Namen der frommen Kinder. Diese euphemistische Bezeichnung 
- mag auch der Grund dafür sein, daß Gaudens Ferrari, wie Sie sich in 
der hiesigen Landes-Gemäldegalerie im Akademiegebäude überzeugen 
können, unter anderen ein Madonna mit einem am rechten Zeigefinger 
saugenden Jesukindlein gemalt hat. 

Würde man mir einen fleißigen Ludler innerhalb einer ludelfreien 
Zeit vorstellen, dann wäre ich nur imstande, einen Finger- beziehungs- 
weise Daumenludler zu erkennen: Die Haut des als Ludel dienenden 
• Fingers ist, etwa wie bei Wäscherinnen, gerunzelt, mazeriert, bis- 
weilen wund; sein Nagel reiner und weicher, als der der übrigen 
Finger. 

Wohin führt das Ludein? 

Ich weiß es ganz gut, meine Herren, daß in der Lösung der ge- 
stellten Frage gleichzeitig Ihr Urteil liegen wird, ob ich berechtigt 
war, das fragliche Thema vor das Forum praktischer Ärzte zu 
bringen? 

Ohne auf den Glauben der Laien, daß sich an einem Ludel saugende 
Kinder das Hirn oder die Lungen beschädigen können, näher einzu- 
gehen, unterscheide ich zweierlei Nachteile, und zwar kosmetischer 
und ernster Natur. 



") Diesem Stadium entsprechend nenne ich das Ludein: wonnesaugen. 
.. "J Bei der siebenjährigen Lippenludlerin sub. figurn 13 wurde das Ludein wegen englischen. 
\ eitstanzes durch drei Monate unterbrochen und dann wieder fortgesetzt. 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. jqi 

Es liegt nicht viel daran, wenn wir z. B. eine Schwiele an dem 
Fingerrücken eines Mädchens finden, welche infolge der durch lange 
Zeit anhaltenden Reibung des dahin verlegten Wonnpunktes ent- 
standen sein mag. Heiter nur kann uns wieder ein Knabe stimmen, auf 
dessen rechter Schläfe ein Haarbüschel durch das fortwährende Strei- 
chen seitens der linken Hand eine aufrechte Stellung eingenommen 
hat (Fig. 10) und nicht selten muß ein Daumensauger, wie Hyrtl er- 
zählt 18 ), es mit in den Kauf nehmen, wenn sein Ludel den Nagel ver- 
loren hat. Anderseits aber müssen wir darüber nachdenken, weshalb 
jene bereits bekannte Zehenludlerin (Fig. 9), die anfangs in geistiger 
Beziehung viel versprochen hat, nun, trotz aller Nachhilfe zu Hause, 
in der Schule zurückbleibt, müssen wir erwachsenen Lippen- und 
Zungenludlern, die gegen ihre Ludelsucht unsere Hilfe in Anspruch 
nehmen, raten, müssen wir helfen, wenn wir einen Onanisten er- 
wischen, helfen auch, wenn die ängstliche Mutter uns eine empor- 
ragende Schulter oder den verunstalteten Mund ihres Kindes zeigt. 

Für die drei letzten Folgekrankheiten bin ich Ihnen eine Aufklä- 
rung durch Anführung von Tatsachen schuldig: 

Ich habe im ganzen vier Kinder, mit der aktiven Aushilfe an den 
Genitalien, ludein gesehen. Davon bediente sich die eine Hälfte stets 
des dortigen Vergnügungspunktes, die andere nur zur Abwechslung. 
Einem etwaigen Einwand, daß hier zufällig zwei verschiedene, 
voneinander ganz unabhängige Kinderspiele koexistieren, würde ich 
folgendermaßen begegnen: 1. Habe ich schon Ludler gesehen, welche 
gleichzeitig Onanisten waren, ohne daß sie beide Manöver syn- 
chronisch betrieben haben. 2. Haben meine Ludler bei vorübergehen- 
der Störung in der aktiven Aushilfe momentan, und bei anhaltender 
Hinderung in der Irritation dauernd zu ludein aufgehört, das ist 
vom Ludel sich entwöhnt. Natürlich wurden auch diese Versuche 
in umgekehrter Reihe mit Erfolg gemacht, das heißt mit der Unter- 
brechung im Ludel hörte eo ipso die Assistenz auf, weil eben kein 
Anlaß zur Aushilfe mehr vorhanden war. 3. Sehe ich nicht ein, warum 
ein Kind in der Skala der Vergnügungspunkte gerade die Genitalien 
übergehen muß oder aber, wenn es einmal mit der Aushilfshand 
z . B. von der Nase auf ein Ohrläppchen überspringt, in einem andern 
Falle nicht auf die Geschlechtsteile übergehen könnte. 

Lassen wir übrigens ein von mir durch geraume Zeit beobachtetes 
Kind selbst sprechen: Eine noch nicht drei volle Jahre alte, muntere 
und in jeder Beziehimg gesunde Daumensaugerin spielte mit der 
andern Hand abwechselnd an der Nase und Klitoris. Meine Rechte 
unterbricht einmal die Assistenz an den Genitalien. Dafür wird meine 

i«) Lib. cit. p. 351. 



132 Dr. S. Lindner 



Hand in eine Achselhöhle des Kindes gesperrt. Nun übernimmt die- 
selbe Rolle meine linke Hand mit demselben Ausgang. Ich befreie 
meine Hände, um neuerdings den Friedensstörer abzugeben. Endlich 
wehrt sich das Kind mit den bezeichnenden Worten: „Gib mir Ruhe, 
sonst kann ich nicht ludein!" 

Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß mit den Jahren 
das Kitzeln der Genitalien zur wahren Onanie führen kann. 

Emporragend fand ich eine Schulter in der Gruppe der einfachen 
Daumensauger und bei den Lippenludlern mit einhändiger Assistenz 
am Kopfe, und zwar die rechte Schulter bei einer 16jährigen herku- 
lisch gebauten Lippenludlerin, welche sich am rechten Ohr mit der 
gleichseitigen Hand assistierte, die linke wieder bei einem achtjähri- 
gen am linken Daumen saugenden Mädchen, das früher 18 Wochen 
lang an Keuchhusten gelitten haben soll. 

Vom theoretischen Standpunkte aus wird man eine primäre Brust- 
koliose, als deren Konsequenz nur das Emporragen einer Schulter 
betrachtet werden muß, mehr auf der rechten Seite zu suchen haben. 
Die Daumenludler wählen nämlich, weil ihnen der Gebrauch der 
rechten Hand geläufiger ist, prävalent (20 : 6) den rechten Daumen 
zum Ludel; aus ebendemselben Grunde werden auch die Lippen- und 
Zungenludler mit einhändiger Assistenz die rechte obere Extremität 
vorziehen (5 : 1). Dazu kommt noch ein ganz anderer Umstand, wel- 
cher das genetische Moment der bezeichneten Seitenkrümmung auf 
dieser Seite wesentlich fördern kann, nämlich der, daß hier jene, wie 
wir das aus der Anatomie wissen, durch die normale Seitenbiegung 
der Brustwirbelsäule gewissermaßen vorbereitet wird. Auch die 
Praxis beschuldigt das zur Gewohnheit gewordene höhere Tragen 
einer Schulter, wie z. B. bei Haarkräusler (Levacher), das Stützen 
eines Armes auf hohen Stickrahmen als Ursache seitlicher Rückgrats- 
krümmungen. Das Harfenspielen oder das jahrelang sich wieder- 
holende öffnen von Zimmertüren mit hoch angebrachten Klinken 
(Robertson) wird ebenfalls bei Kindern als Gelegenheitsursache an- 
geführt 20 ). Selbstverständlich kann auch eine sekundäre Skoliose vom 
Ludel und der einhändigen Assistenz am Kopfe beeinflußt werden. 
So lange aber die auf die Wirbelsäule wirkenden Kräfte einander das 
Gleichgewicht halten, kann keine seitliche Verkrümmung der Wirbel- 
säule entstehen. Deshalb wird auch eine zweihändige oder bei dop- 
peltem Wonnepunkte regelmäßig sich abwechselnde Ausshilfe ohne 
Bedeutung für die Wirbelsäule bleiben. 

Auffallend und oft bleibend leidet die individuelle Schönheit des 
Gesichtes durch die häufige Wiederkehr jener bestimmten Verände- 

">) Hvrtl. lib. cit. cae. L09 und 211. 



Das Saugen an den Fi ngern, Lippen etc. 100 

rung des Mundes, wie sie jeder Ludelart an und für sich zukommt. 
Mit der nötigen Erfahrung und gehörigen Umsicht versehen, läßt sich 
nicht selten sogar die spezielle Ludelweise vermuten: Lippenludler 
sind nicht immer im Stande, durch ihren Willenseinfluß die Bewegung 
der Lippen zu beschränken und halten mit Vorliebe den Mund ge- 
schlossen, wobei die Lippenfuge besonders in einem Winkel einge- 
zogen erscheint; bei älteren Zungenludlern pflegt wieder die Ober- 
lippe vorzuragen und die Ludler an in den Mund geführten Gegen- 
ständen halten stets den Mund halb offen, als ob sie nach dem Ludel 
schnappen wollten. 

Sind diese mimischen Veränderungen des Mundes am Ende gar 
Konsequenzen von infolge des Ludeins entstandenen Mißstaltungen 
der Kiefer mit konsekutiver falscher Stellung der Zähne, dann wird 
die Physiognomie des Gesichtes selbst für die Lebensdauer nachteilig 
beeinfußt: So fand ich das Vorragen der Oberlippe unter anderen bei 
einer kleinen Daumenludlerin und bei einer großen Zungenludlerin 
durch die vorstehenden oberen mittleren Zähne bedingt. Im ersten 
Falle waren die Zähne fächerartig ausgebreitet, im letzteren sich 
dachziegelförmig deckend. 

Ich nenne diesen infolge des Ludeins vorübergehend oder dauernd 
difformen Mund: einen zeitweiligen oder permanenten Ludelmund. 

Sie könnten mir jetzt den wohl nicht unberechtigten Einwurf 
machen, daß vier onanierende und zwei skoliotische Kinder mich noch 
lange nicht dazu berechtigen, auch das Ludein als eine von den übri- 
gen Ursachen der Onanie und der Skoliose aufzufassen. Diesfalls müßte 
ich Ihnen, meine Herren, zu bedenken geben, daß viele meiner Lud ler 
auch aus solchen Kreisen stammen, in denen ich ein strengeres Aus- 
fragen und eine nähere Untersuchung nicht für schicklich fand. Mög- 
lichlicherweise, ja es ist sogar wahrscheinlich, daß ohne dergleichen 
Hindernisse die Ausbeute eine ausgiebigere geworden wäre. Was nun 
endlich den Ludelmund anbelangt, habe ich mir selbst die größte 
Reserve aufgelegt: Insolange ich nicht überzeugt war, daß der 
dauernd verunstaltete Mund nicht etwa ein Familientypus sei, ver- 
zeichnete ich ihn auch nicht"). 

Sil Ausführlicher und viel ernster schildert Dr. Chandler den Ludelmund in dem abman». 
„itiorten Artikel: „Nichts ist so geeignet Mißbildungen der Knochen, der Mundhöhlen und tT 
^gelmäßigk°'t der Zahne zu verursachen als das Saugen der Kinder an den Daumen SchmT 
f„rn usw. und entsprechen die Arten der Difformitiit den verschipHennn nLT «T h7„ Dcnnul - 

Vertiefung in dem harten Gaumen che nach und nach durch den Druck des Daumens Schnuller« 
us w. entstanden igt, die vorderen Zhhne sind nach vorwärts gedrängt, manchmal 5*5' ein Fache? 
auseinander, gewöhnlich aber teilweise überemander geschoben und drängen die Oberlippe nach 
vorwärts, wie beim Prognathus; der Oberkiefer erscheint in die Länge gezogen, die Knochon 
des Nasenhöhlengrundes sind nicht selten verlängert und zugleich verschmälert, das Atemho en 
durch die Nase ,st erschwert, der Mund muß beim Schlafen offen bleiben, der Speichel trocknet 
und bildet mit dem Staube der Luft eine übelriechende grünliche Kruste an den Zähnen ™S 
S1 ch zuerst und durch Verbindung der entstehenden Sauren mit dem Kalk der Zähne dieselben 



134 Dr. S. Lindner 



Kinder lassen sich vom Ludel schwerer entwöhnen als von der 
Brust, weil sie für diese Ersatz bekommen. 

Wegen Mangel an Energie des kindlichen Willens, werden die- 
jenigen Ludler leichter zu entwöhnen sein, an deren eigenes Wollen 
man nicht gebunden ist. Daher werden wir mit denen, welchen wir 
den Ludel direkt entziehen können, schneller fertig werden, als mit 
solchen, die bei leerem Munde ludein. Wirklich sind mir auch aus der 
.Reihe der Lippen- und Zungenludler sogar Großeltern bekannt, 
welche noch heute mit voller Assistenz saugen. Ja, selbst seit ihrer 
Kindheit vom Ludel entwöhnte Erwachsene, mögen sie noch so ge- 
bildet sein, treiben dieses Kinderspiel, sobald sie sich vertiefen. 

Will nun eine Mutter wenigstens vor einem Fingerludler sich 
sichern, dann schaue sie nach dem Säugling schon in seinen ersten 
Lebensmonaten, ob er nicht etwa den Daumen oder andere Finger 
in den Mund zu nehmen oder am Handrücken zu lutschen sich ange- 
wöhne? Wenn ja, dann lasse sie es sich nicht verdrießen, diese Mani- 
pulationen dem Kinde zu wehren. In dieser Weise hat eine umsichtige 
Arztensgattin ihre vier Kinder, die schon in den ersten Lebensmonaten 
an den Daumen saugten, in kurzer Zeit vom Ludel entwöhnt 32 ). 

Ludelt ein größeres Kind, dann verfahre man ebenso; außerdem 
lege man das Kind nicht zu zeitlich schlafen, hebe es aus dem Bette 
gleich nach dem Erwachen und überlasse es nie nach dem Bade sich 
selbst. Denn das sind die Zeiten, wo Kinder besonders ludelsüchtig 
sind. Dort, wo aktiv ausgeholfen wird, entferne man ohne weiteres die 
Hand vom Vergnügungspunkte; selbst gegen die Maske sei man, aus 
den früher angegebenen Gründen, nicht nachsichtig. Nie stecke man 
einem weinenden Kinde den Ludel in den Mund, um es zu beruhigen. 

zerstört. Beim Unterkiefer erfolgt das entgegengesetzte: er wird nach rückwärts gedrängt und 
verkürzt, vorne abgeflacht, während er an den Seiten breiter wird, so daß die Mahlzähne des 
Unterkiefers beim Schlüsse des Mundes gegen die oberen nach außen abweichen, die unteren 
Schneidezähne nach innen, zugleich ist der ganze Kieferknochen oft derart nach rückwärts ge- 
bogen, daß die unteren Mahlzähne den oberen auch in der Richtung von vorne nach hinten nicht 
mehr entsprechen, sie sind nach rückwärts verschoben, der vordere Teil des Unterkiefers mit den 
Schneidezähnen ist nach aufwärts gebogen, so daß ihre Kronen bei Schluß des Mundes das Zahn- 
fleisch des Oberkiefers beinahe berühren oder auf dasselbe aufbeißen. Gegen diese Art der Dif- 
formität kann wenig oder nichts getan werden. Nicht selten ist diese Rückwärtsbeugung des 
Unterkiefers so stark, daß bei der Entwicklung der bleibenden Zähne jeder Mahlzahn gegen die 
Alveole des vorderen andrängt und sie verdrängt und wenn die Weisheitszähne sich entwickeln, 
der Mund nicht mehr geschlossen werden kann; dabei stehen die vorderen Zähne oft sehr weit 
(bis zu !/« Zoll) auseinander und ist neben der Unschönheit, das Kauen, Sprechen sehr beein- 
trächtigt. Die starken Kontraktionen der Schlaf enmuskel, das Kauen und andere Erschütterungen 
erregen Entzündung an den schlecht befestigten Zähnen und sie gehen von vorne nach hinten 
rasch zugrunde. Karies ist an den in verunstalteten Alveolen stehenden Zähnen, die zusammen- 
gedrängt oder übereinander geschoben sind, viel häufiger, besonders an der Zungen- und Wangen- 
seite derselben. Ähnlich dem Daumensaugen wirkt das Saugen an den Fingern überhaupt, dann 
das an den Lippen, meist der unteren, an der Zunge; im letzteren Falle wird besonders eine Seite 
des Oberkiefers herausgedrängt, der Gaumen in die Höhe gedrückt, 60 daß Stimme und Artiku- 
lation verschlechtert ist. Die Gewohnheit, Kindern Saugflaschen oder Mundstöpsel zu geben (von 
unseren Schnullern gar nicht zu reden) ist nicht allein schmutzig, sondern auch sehr schädlich 
für die Verdauung und veranlaßt Verfall der Zähne, da der Zucker, mit dem sie gewöhnlich an- 
angerieben werden, sich zu Milch- und Essigsäure zersetzt; es entsteht Pulpitis, Alveolarabszeß, 
Karies der Zähne, die Kronen brechen ab, die Wurzeln bleiben, verlegen den nachrückenden 
Zähnen den Weg, verschieben sie aus der normalen Richtung, so daß neben Verunstaltung der 
Kiefer auch noch Unregelmäßigkeit der Zähne auf diese Weise entsteht." 



Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. ]35 



Desgleichen vermeide man, ihm fremde Körper, an denen es zu saugen 
pflegt, und vor allen anderen aber den Schnuller 2 *) zu reichen Denn 
wenn auch der Lutschbeutel nicht die alleinige Ursache des Ludeins 
ist, so hat er doch gewiß sein Teil daran. 

Bei fertigen Ludlern führt die Strenge selten zum Ziele. In der 
Eegel nützt weder die Drohung mit Fasten, noch ein gewaltsam an- 
gelegter Verband 23 ), am allerwenigsten aber Schläge. Unter anderem 
meint meine Zehenludlerin: „Es ist süßer zu ludein, als zu essen." 
Der Weg der Güte ist der kürzeste. Alle Eltern kennen die schwache 
Seite ihrer Kinder. Wer diese auszunützen versteht, der reüssiert. Bei 
verstockten Ludlern überlasse man die Entwöhnung einer gern ge- 
sehenen verwandten oder befreundeten Person und dem Erzieher. Mei- 
nen exaltierten Brotludler hat eine Tante durch Abnahme des Wortes, 
daß er nicht mehr ludein werde, zu ködern gewußt. Eine andere Lud- 
lerin fand eines Morgens einen farbigen King an ihrer Stirn, welchen 
der Hauslehrer ihr als eine natürliche Folge des Ludeins einzureden 
verstand. Geht es nicht in der angeführten Art und Weise, dann streue 
man auf den Ludel Salz, schwarzen oder spanischen Pfeffer oder be- 
pinsle den Finger mit einer bitteren Lösung, z. B. einer Chinin- 
solution. 

Sind die ersten Mittel nicht innerhalb einiger Tage von Erfolg, 
dann stehe man lieber von ihnen ab, weil sich sonst die Kinder zu 
zeitlich an zu sehr gesalzene und stark gewürzte Speisen gewöhnen 
könnten. Aber auch der Handschuh und Strumpf, welche den Ludlern 
über Nacht angelegt zu werden pflegen, leisten nicht mehr das Er- 
wartete: Ich habe Handschuhe aus dem derbsten Leder durchbissen 
und an dem durch das Loch zum Vorschein gekommenen Daumen 
weiter Ludein gesehen. Anderseits pflegen die meisten Kinder so 
lange zu schreien, bis man ihnen, will man sich nicht die Nachtruhe 
stören, den Handschuh oder Strumpf auszieht. Empfehlenswert ist 
folgendes Verfahren, welches ich bei meiner 2%jährigen Daumen- 
ludlerin mit ihrem Einverständnis einschlug: Über beide Hände kom- 
men (weil sonst der andere Daumen beludelt werden kann) ein paar 
rein® Kinderstrümpfe, welche allenthalben bis zum Ellbogen des Kul- 



ten 

s 



chliigt und dann zubindet, wodurch ein Knopf vor i der fifößp «L '" ei ." en le A ln , en , en L*PPen 
nfos« weiche süße Knopf wird den Kindern nun wenn ^e nUU „? T 8 f e >nen . A p f els entsteht. 
Steckt, sie fangen sogleich an zu saugen ünd'hllZ Seh " ZSäS^SSSfA£ l™ ^ nd 
meinen läßt sich gegen reinliche, oft erneuerte Schnuller niclite ™~„ g »? SSb SÄr Im al,Re - 
3er durch das tagelange Saugen übermäßig ausgedehnt ;3u Ä hSfifÄ. W-n , l ng ? , M der 
£Un sie endlich einma den Mund ohne Schnuller Ichließe* ^ Ge^mmf ch ater ffinlt l'r Ä 
des Schnullers, in Berührung mit der warmen Mundhöhle rasch m i £ m«» r« S der .., Inh alt 
gehen. Der Mundhöhlenschleim wird sauer und es taÖ%^oÄw2S£ v ■ ? g Uberzu " 
fine Pilzbildung auf der Schleimhaut, die nur zu of t ein trauneel Ä Sml X^Tä 6 V nd 
krankheiten, 5. Aufl. Erlangen 1871. S. 38 und 39.) traur 'ges Jmde nimmt. (Vogel, Kinder- 

23) Die vierjährige Fingerludlerin unter Fia In rtip snnet »„»i. e».i i i 

hält, zerbiegt eine g!„, neue Spitzbinde, ÄTtftA SÄSÄriJÄ mSKUS?" 






60 

a 

3 

M 

U 

0> 

E 

e 

<■ 










ä> 'S 

g 

jg 

« '5 



i 

s 



o 

4) 



s &> 

SB 

«» i— l N 

*j a> — 

o g 




iijiSElJJiäi 



o 
a. 

o 



O O 2 fc.S 

5 3^ 






tili 



!w OTtf w 



^oic^iricd^oo cno^fjcö^intof:«'^^ S?Je^ScJ8* £Jc§8°"w" 









p 



I—* 

0! 

3 



0) 
<n 

'S 

Ol 



£ 



ß 8* 

31 



- 












1 

s 



ß 

3* 

p- 









g i 

*."S 

2 x 

B ft> 



& 

c 

E 



C h h b 

4) J5 ,G _q 

iooo 

(^ in tn vi 

*frt s a 

T3 js us js 
■s o o o 

V V V 0) 

ja * »- m 



0> Ol 

<0 00 



_ G v- 
4) 0) 4) 

ja & bo 



n 

J3 
O 



'S 

2 



w 

s 



ti 

5 £ 

ö 2 






H 

11 



TS 

C 

cd 
S 



ja 
u 
v 

>- 



IH 

V 

fr 

.-O 

£ 
J5 



S 
0) 

s 



•SPS 5 = 
"° hS tS £ 

SB 

J5 41 CD 4) 
•« *» *J +j 

«; ja ja j= 

£ 8 4> eu 
N * >h M 



11 

— CO 



« 



I 

o 

CJ 



e ß .SP 
ea cd >tj 

+J 4- ■*-" 

jsj= g 

o y fe 

B 2 N 



T3 
§ 



J3 
u 

41 



' 



ja ipnfua ddiq 



JaipnpiaSunz 



33 

I 

o 

09 















jajpnj.iaSui.i 






*** » **- »-. ^ 

5 a 5 S S 

3 3 s 3 rf M 

S3 N3 N N N m 



U H —I I- »• 



N 



Iiii 

■A K X X 



■ 'S * 

es D 



3 

1 

Vi 

«3 



ß • Ä 

StTuä 

S'O' 



Im 
4> w 

2 Ö 



■Sü 



BO 



h 

I) 



« c c ß 

_q 5 H 3 

~~ CM **- MM 



'S s 2 

m CO CD 



£ 



._. t^ **-. 
73 3 3 Ö 
i-* cö cO (0 



VI 






3 B 



i & ^ 



S "C i ■ « S £ 3 

m K P u a H *o 

^ « a> _2 ^ 3 £ 

• S *^ Ü "3 .'l M r? 



8 



J3 
5 

CO 






B B 
§ 

H co oi (0 m 

ifll 

o 



c i^mBBB . s S 

ß h *i 8 1 § ß » Sja K 
c 3-s.2ggg -f5g2,a 



-- n 3 
• "B B 

ii C S «ö «w •— 

E ja 2 3 3 3 

rh u ^ cd cd es 



53 S cd E 

in* ga 

" 3 P 1) 



dl 



B 
% 

£ 

3 
es 

M 



icto t- "s~°° °° *^ ""■ " N °° *° * * 2 



K K B R K :: : 5 : . K 



R R R C R R 






c/> 



«Oh 

•a ß 






IIvji 



fe«0 

„ fl) es 

2 CJd 
B •-> to 

3 



B-S 

I g 

J3 

«'S 



Ph 



ja 
o 

CO 



P< PC 

* '5 «« -i 'S s ^ " •_= 2 

c 3 c^ 9 SS -^ B 



EJ E 
SSE 



PI** 3 8 

P« ja] 



cd es 



2| 

O c/j 



rt^ 



GM 



cd BiS 



S3 
ß 



•3j3 t?SS^£l^£2««SS ISJjrSgiggifi 8a-S S«3 



o .2 -S 5 5 

O r-, CJ K O 



Mtifö'ritf^M<^9< 



^opc35t5«-"CNco , *incD 
-*■*»■-'*• m m m irf ~ 



mm»« loirtirj 



te * a 8'S8 



ts e cd 

b 5 s 

v « cd _. 



M 

T3 
C 

CS 
H 
0) 



cdScocö 



.SPb« 

fcCO 

'S « 

3 > 

3 pq 



CO 



cd 
O 



CD 



. 



X 



138 



Dr. S. Lindner 



■ ■■_ 
- 



des reichen; über diese wieder ein paar reine, der Mutter angehörige 
Strümpfe. Diese gehen nur bis zur Mitte des Oberarmes.so daß bei- 
läufig der Fußteil herabhänge. Mit diesem Teile wird nun nach Art 
einer Fatsche die ganze Hand erträglich fest eingewickelt, so daß 
der betreffende Daumen in der Flachhand zwischen Zeige- und Mittel- 
finger zu liegen kommt und nicht mehr als Ludel verwendet werden 
kann. Um den Oberarm und das Handgelenk wird der Strumpf durch 
eine breite Schleife vorsichtig befestigt. Am darauffolgenden Tage 
hörte schon meine Kleine zu ludein, gleichzeitig aber Nachmittag zu 
schlafen auf. 'Damit sie sich im Schlafe nicht vergesse, mußte ich sie 
den Verband drei Monate lang tragen lassen. Jedoch müssen wir sie 
heute noch öfters mahnen, den Mund geschlossen zu halten, was zu 
tun sie sich auch bemüht. 

Indessen kommt bei Fingerludlern nicht selten eine spontane Ent- 
wöhnung vor. Entweder sie haben ihren Finger wund gesogen oder 
sie finden am Ludel überhaupt kein Vergnügen mehr. 

Lippen- und Zungenludler kann man von der Aushilfe leicht ent- 
wöhnen, das übrige bleibt der psychischen Erziehung, wie auch ihrer 
eigenen Energie überlassen. Dasselbe gilt für die Haltung des Mun- 
des ohne Dif formität der Zähne und der sie bergenden Knochen. 






< 



3 



■■■■ 



■ 
'■■ ■ ' ■ 



■ 



■ - 



- ■■ ■ " ; , . 



• 






" 



• 



3 

SS 



s a 






■ 



l . 



• 



: : . ) 



., -: | : . : 3 

S. . 



-. 

:. 

: 



- 

I ■■- ■ 

■ ■ ■ 

,..•'■ - ' ■. : ■ • :' . ■. 



. 



. . ....... 

....-.■ 



■ 






-.- 

" ■ 

Volkshochscfculkurs über Erziehung in Basel 

- 

Im Wintersemester l 9i ^i 934 hielt Dr. Heinrich Meng 
an der Volkshochschule der Universität Basel iS Vorlesungen* 
über „Zwang und Freiheit in der Erziehung". 

Es wurde der Versuch gemacht, Eltern, Berufserziehern und Lehrern eine 
Anregung zu geben, ihre eigenen erzieherischen Denk- und Verhaltungsweisen, 
kritisch zu überprüfen. Der Kurs war folgendermaßen aufgebaut: Um Mißver- 
ständnisse möglichst zu vermeiden oder rasch zu klären, wurde Jeder Begriff 
erläutert, wissenschaftliche Ausdrücke nur ausnahmsweise verwendet. Durch 
Fragebeantwortung am Schlüsse einiger Stunden wurde die gegenseitige 
Fühlungnahme zwischen Hörern und Vortragenden hergestellt und beiden 
die Sicherheit des jeweils erreichten Verständnisses verschafft. Am „Schein- 
denken und „Scheinwissen" konnte gezeigt werden, daß die Gewohnheit vieler 
Menschen, übliche Worte und Begriffe ohne eigentliches Verstehen zu hand- 
haben, ein Feind der gründlichen naturwissenschaftlichen Bildung und Weiter- 
bildung ist. Erziehungsfragen sind Alltagsfragen, das heißt sie gehen jeden 
Menschen an, ob wir Kinder oder Erwachsene sind, wir stehen immer in einem 
Erziehungsprozeß. Wenn auch der Erziehungswissenschaftler sich Kenntnisse 
aus vielen Wissenschaftszweigen aneignen muß, so entscheiden doch in der 
praktischen Erziehung nicht die Kenntnisse an erlerntem Wissen, sondern all- 
gemeiner und persönlicher Instinkt, Takt, Einfühlung und Selbstbeherrschung. 
In dem Teil der Vorlesung, der sich mit Biologischem befaßte, wurde ge- 
zeigt, daß die Vererbung bei jedermann ein Stück Freiheit der Entwicklung 
zuläßt und daß die Freiheit der Entfaltung zu einem sinnvollen Instrument 
des Menschwerdens wird, wenn der Erzieher nicht willkürlich und launisch, 
sondern wollend und wissend in den Erziehungsprozeß eingreift. Die Be- 
ziehungen von Vererbung und Erziehung fanden besonders starke Aufmerk- 
samkeit, ferner die Frage der Temperamente und der Ergebnisse der Gehirn- 
forschung für die Psychologie. 

Im Hauptteil, der der Wissenschaft von der Seele und der Pädagogik ge- 
widmet war, standen im Mittelpunkt Gesichtspunkte zu praktischem Han- 
deln für Schule und Hauserziehung. Eine Erziehung, die zum Reif- und Er- 
wachsensein vorbereiten soll, muß sich dem natürlichen Wachstum in der 
Kindheit anpassen. Wichtige Ziele des Erwachsenseins sind: die Fähigkeit 
zum selbständigen Denken und Handeln, die Fähigkeit und die Kraft sich zu 
freuen, zu helfen, zu lieben und zu kämpfen. Der heranwachsende Mensch 
muß zu einer starken Persönlichkeit mit festem Willen und sittlicher Ge- 
schlossenheit reifen, aber auch gleichzeitig zu einem brauchbaren Glied der 
Gesellschaft, an deren Gestaltung und Vervollkommnung er mitzuarbeiten hat. 
Der Unterschied der Zielsetzung beeinflußt die Wahl der Methoden in 
Unterricht und Erziehung; je nach der Zielsetzung werden auch die einzelnen 
Erziehungsschwierigkeiten und -aufgaben verschieden erledigt. Da aber durch 
weltanschauliche Zielsetzung keine Ei nigung erfolgen kann, so müssen wir 

• Die Vorlesungen - sie waren von 280 Hörern besucht - werden im Herbst 1934 in Buch- 
iorm orscncinGD. 



. 



140 Volkshochschulkurs über Erziehung in Basel 

jetzt mehr als je das Gemeinsame der Erziehungsziele und das Allgemeine der 
Methodik finden und allen zur Verfügung stellen. 

An praktischen Beispielen aus der Kinderstube, aus Schulzeit und Pubertät 
wurden solche Erziehungssituationen besprochen, die unter Voraussetzung 
von gutem Willen durch tiefenpsychologisches Wissen richtig gehandhabt 
werden können. Besondere Aufmerksamkeit war der Frage der Trieb- 
beherrschung des Erziehers und des Kindes gewidmet. Hier handelt es sich 
um praktische Fragen: Was man verbieten darf und muß, zu welchen Zeiten 
und mit welchen Mitteln, ob man belohnen oder strafen soll und weshalb das 
gleiche Vorgehen verschiedener Erzieher andere Wirkungen haben wird, je 
nach den Voraussetzungen der Heranwachsenden, wurde grundsätzlich und 
an Beispielen gemeinverständlich erläutert. Der Hörer sollte soviel Einsicht 
in das Problem von Zwang oder Freiheit gewinnen, daß er ihren Gegensatz 
aus dem Wesen des Menschen versteht und sinngemäß handhabt. Es wurde 
gezeigt, daß auch dieser Gegensatz überbrückbar wird durch Führung mit 
Geduld und Wissen. Besonders wurde dem Hörer die Bedeutung des Milieus 
und des Vorbildes gezeigt und eingeprägt. 



- 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, VIII. Jahrgang Heft 3/4 

INHALT: 

August Aichhorn: Kann der Jugendliche straffällig werden? Ist der Jugeiidfferinlits- 

liol ein l^osung f ~- 

Liselotte Gero: Psychoanalytische Gespräche mit einem kleinen Kind 96 

Melitta Schmideberg: Intellektuelle Hemmung und Eßstörung 109 

BERICHTE 

S. L i n d n e r: Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. bei den Kindern (Ludein) 

mit 22 Abbildungen jji- 

Volkshoehschulkurs über Erziehung in Bnsel . ]39 



Soeben erschienen: 
BEIHEFTE ZUR „INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE" UND ZUR „1MAGO" NUMMER 1: 

IMRE HERMANN 

DIE PSYCHOANALYSE 
ALS METHODE 

Großoktav. 114 Seiten. Geheftet RM 6.50 

Aus dem Inhalt: 

Das Bewurste und das Unbewußte / Die psycho- 
analytische Konstellation. Die Beschaffung des 
Materials (Die Grundregel — Die Rolle der Auf- 
merksamkeit; Die ruhige Selbstbeobachtung. — 
Das Lebendigwerden der Vergangenheit; Die Ab- 
leitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis; 
Die rezeptive Einstellung des Analytikers; Die 
Widerstände; Die Grundstimmung. — Affekt- und 
Konfliktübertragung; Sicherung der freien Asso- 
ziation; Niveau- und Schlichtung der Assoziations- 
ketten) / Die Verarbeitung des gewonnenen Ma- 
terials (Das psychoanalytisch Sinnvolle. — See- 
lische Kontinuität und Determinismus; Zur Konti- 
nuität der seelischen Geschehnisse; Spielraum. Zu- 
fall. Kausalität; Die Sinngebung in der Praxis. Die 
Funktion des „Sinn-Organs") / Die Kontrolle. 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



BUCHER DES WERDENDEN 

Herausgegeben von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 

PREIS 

broschiert M. 2.85 
gebunden M. 3.85 

RENE ALLENDY 

WILLE ODER BESTIMMUNG 

Aus dem Inhalt: 

Geschick, Vorbe Stimmung, Charakter und Temperament, 

Prophczcihungen und Vorzeichen, Kosmos und Mensch. 

ANNA FREUD 

EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE 
FÜR PÄDAGOGEN 

Aus dem Inhalt: 

Das Vergessen von Kindhcitscrlebnissen, Tricbleben, 

Vorpubertät und Reifung, Psychoanalyse und Pädagogik. 



ISTVAN HOLLOS 

HINTER DER 



GELBEN MAUER 



VON DER BEFREIUNG DES IRREN 
Aus dem Inhalt: 

Gespensterspuk, Leben und Tod, Städte, Mütter, Be- 
freiung der Gesunden, das Urtier in uns — unsere Not 
und Notwendigkeit. 

PAUL PASCHEN 

DIE BEFREIUNG DER MENSCHLICHEN 
STIMME 

Aus dein Inhalt: 

Kultur, Zivilisation und innere Sicherheit. Die Wieder- 
herstellung der Sprechstimme. Das Stottern. Hypnose 
und Psychoanalyse. 

FRITZ WITTELS 

DIE BEFREIUNG DES KINDES 

4, Auflage Aus dem Inhalt: 

Schuld und Strafe. — Ein Stück Rousseau. Kinderschule 
und Lebensweg. Waisen- und Stiefkinder. Geschiedene 
Eltern. Die alte und die neue Schule. 

FRITZ WITTELS 

DIE WELT OHNE ZUCHTHAUS 

Aus dem Inhalt: 

Rache und Richter. Der Verbrecher aus Schuldgefühl. 

Der politische Verbrecher. Tagträume. Blutverbrecher. 

Hochstapler. 

VERLAG HANS HUBER IN BERN 



Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien I. Börse- 
gasse li. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien I, Dorotheerg. 7. Druck von Emil M. Engel. 
Druckerei und Verlagsanstalt. Wien I, In der Börse. ^^^^^^ 



BÜCHER DES WERDENDEN 

Herausgegeben von Paul Federn, Wien, und Heinrich Meng, Basel 

PREIS 

broschiert M. 2.85 
gebunden M. 3.85 

RENE ALLENDY 

WILLE ODER BESTIMMUNG 

Aus dem Inhalt: 

Geschick, Vorbestimmung, Charakter unil Temperament 

Prophezeihungen und Vorzeichen, Kosmos und Mensch'. 

ANNA FREUD 

EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOANALYSE 
FÜR PÄDAGOGEN 

Aus dem Inhalt: 

Das Vergessen von Kindhcitscrlcbnisscn, Tricblebcn, 

Vorpubertät und Reifung, Psychoanalyse und Pädagogik! 

ISTVÄN HOLLÖS 

HINTER DER GELBEN MAUER 

VON DER BEFREIUNG DES IRREN 
Aus dem Inhalt: 

Gespensterspuk, Leben und Tod, Städte, Mütter, Be- 
freiung der Gesunden, das Urtier in uns — unsere Not 
und Notwendigkeit. 

PAUL PASCH EN 

DIE BEFREIUNG DER MENSCHLICHEN 
STIMME 

Aus dem Inhalt: 

Kultur, Zivilisation und innere Sicherheit. Die Wieder- 
herstellung der Sprechstimme. Das Stottern. Hypnose 
und Psychoanalyse. 

FRITZ WITTELS 

DIE BEFREIUNG DES KINDES 



4. Auflage 



Aus dem Inhalt: 

Schuld und Strafe. — Ein Stück Rousseau. Kindersehule 
und Lebensweg. Waisen- und Stiefkinder. Geschiedene 
Eltern. Die alte und die neue Schule. 



FRITZ WITTELS 

DIE WELT OHNE ZUCHTHAUS 



Aus dem Inhalt: 

Rache und Richter. Der Verbrecher aus Schuldgcföhl. 

Der politische Verbrecher. Tagträume. Blntverbrecner 

Hochstapler. 



VERLAG HANS HUB 



R 



N B E R N 



Eigentümer, Herausgeber und 
gasse ll. — Verantwortlicher 



Verlier: Internationaler P.ychoanalytischer Verlas, Gesell«* 
Redakteur: Dr. Wühelm Hofier, Wien I. Dorothea*. T. 
Druckerei und Verlagsanstolt. Wien 1. In derJKirse^ 




sa 

Ol 
■o 

s 



fi 



C 

3 

5 



VIII. Jahrg. 



März— April 1934 "&^ ö™i£*, , Nr. 3/4 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



August Aicßßorn 



Liselotte Gero . 



. Kann der Jugendliche straf- 
fällig werden? Ist der Jugend- 
gerichtshof eine Lösung? 

. Psychoanalytische Gespräche 
mit einem kleinen Kind 



Melitta Scßmideberg. . Intellektuelle Hemmung 

und Eßstörung 

S. Lindner Das Saugen an den Fingern, 

Lippen etc. bei den Kindern 

(Ludein) Mit 22 Abbildungen 



Preis dieses Heftes Mark 2' —